Binge Eating

9 Minuten

Aktualisiert am 27. Januar 2026

 

  • Die Binge‑Eating‑Störung ist eine Essstörung, die durch wiederkehrende Essanfälle (Essattacken) mit einem Gefühl des Kontrollverlusts über das Essen gekennzeichnet ist.
  • Während eines Essanfalls wird in einem begrenzten Zeitraum deutlich mehr gegessen, als unter vergleichbaren Umständen üblich wäre.
  • Die Störung geht mit einem hohen seelischen Leidensdruck einher und ist häufig mit körperlichen Erkrankungen (z.  Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes) und psychischen Begleiterkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen) verknüpft.
  • Mit einer frühzeitig einsetzenden, leitliniengerechten Psychotherapie bestehen gute Chancen, Essanfälle deutlich zu reduzieren. Ein Teil der Betroffenen wird langfristig symptomfrei.
  • Die Behandlung kann in vielen Fällen ambulant erfolgen. Teilstationäre oder stationäre Behandlungen werden insbesondere bei schweren Begleiterkrankungen oder unzureichendem Ansprechen auf ambulante Maßnahmen empfohlen.
Frau binge eating

Essen ohne Kontrolle – Binge Eating

 

Wer von Binge Eating betroffen ist, leidet unter wiederkehrenden Essanfällen, die umgangssprachlich auch als „Fressattacken“ bezeichnet werden, und dem Gefühl, diese vermeintlich nicht stoppen zu können, obwohl man es sich fest vornimmt. Wenn es dann noch zu einer deutlichen Gewichtszunahme kommt, können sich die ohnehin vorhandenen Scham‑ und Schuldgefühle verstärken. Viele verheimlichen ihr Essverhalten deshalb, was dazu beitragen kann, dass sich das dysfunktionale Essverhalten verfestigt. Dabei gibt es wirksame Hilfsangebote, die Betroffene dabei unterstützen können, den Kreislauf schrittweise zu durchbrechen.

Wie verbreitet ist eine Binge-Eating-Essstörung?

Die BES gilt als die häufigste spezifische Essstörung in der Allgemeinbevölkerung.1 Erste Symptome treten meist im späten Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter auf, allerdings kann sich die Störung auch später entwickeln. Frauen sind insgesamt stärker betroffen als Männer: Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass 2,8 % der Frauen und 1,0 % der Männer im Laufe ihres Lebens an einer Binge-Eating-Störung erkranken.2

Wer ist besonders gefährdet, eine Binge-Eating-Störung (BES) zu entwickeln?

BES ist eine Erkrankung, die grundsätzlich alle Geschlechter und Altersgruppen betreffen kann. Allerdings gibt es eine Reihe von Prädispositionen und Risikofaktoren, die im komplexen Zusammenspiel die Entstehung von Binge-Eating fördern können. Ein Faktor alleine löst jedoch noch keine „Fresssucht“ aus.

Wie entsteht eine Binge-Eating-Störung?

Bisher liegt kein einheitliches, abschließend bestätigtes Modell für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Erkrankung vor.7 Stattdessen werden verschiedene, sich ergänzende Erklärungsmodelle genutzt, etwa Emotionsregulations-, Impulsivitäts- und Belohnungsmodelle. Gemeinsamer Nenner ist: biologische Veranlagung, psychische Merkmale und Umweltbedingungen greifen ineinander und bestimmen gemeinsam, ob sich eine BES entwickelt und fortbesteht.

Veranlagung und frühe Voraussetzungen

Manche Menschen haben ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Binge‑Eating-Störung aufgrund einer erblichen Prädisposition. Wenn beispielsweise frühes Übergewicht, negative Bewertungen des eigenen Körpers, begleitet von kritischen oder abwertenden Kommentaren zu Figur und Gewicht durch andere und wiederholte Diäten in Kindheit oder Jugend hinzukommen, erhöht sich das Risiko. Bedeutend sind auch die Erfahrungen, wie jemand Essen, Körper und sich selbst wahrnimmt. Sie beeinflussen, ob Essen als „schnelle Lösung“ für innere Spannungen eingesetzt wird.

Der Schritt vom Risiko zur Störung

Binge‑Eating entwickelt sich meist in einer Phase, in der mehrere Belastungen zusammenkommen. Typisch sind eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, verstärkte Versuche, das Essen streng zu kontrollieren (z. B. Diäten, „Verbotslisten“) und gleichzeitig mehr Stress, Konflikte oder Kränkungen im Alltag. In solchen Situationen kann es dazu kommen, dass Essen zunehmend genutzt wird, um unangenehme Gefühle zu dämpfen oder sich zu trösten. Aus einzelnen Episoden von „Überessen“ können sich nach und nach Essattacken entwickeln, die regelmäßig auftreten und als nicht beherrschbar erlebt werden.

Beginn eines Teufelskreises

Betroffene einer Binge‑Eating‑Störung geraten schnell in einen Teufelskreis: Innere Anspannung, belastende Situationen oder andere negative Gefühle stehen oft am Anfang eines Essanfalls, der kurzfristig Erleichterung verschaffen kann. Danach treten jedoch nicht selten Scham, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe auf, häufig verbunden mit Rückzug oder neuen, eher strengen Diätversuchen. Diese Kombination aus emotionaler Belastung, Einschränkung und Unzufriedenheit erhöht wiederum das Risiko für weitere Essattacken.

Untersuchungen legen nahe, dass bei der Binge‑Eating‑Störung Gehirnregionen, die an Belohnungsverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle beteiligt sind, in belastenden oder verführenden Situationen anders zusammenwirken als bei Menschen ohne Essattacken. Dadurch können Essensreize stärker als belohnend erlebt werden, während es gleichzeitig schwerer fallen kann, das Essen in solchen Momenten zu steuern oder rechtzeitig zu stoppen.8

Wie wird Bulimie diagnostiziert?

Die Diagnostik von Bulimie erfolgt im Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten mithilfe standardisierter Interviews und Fragebögen. Dabei geht es vor allem um das Essverhalten, um Essattacken, um das Gefühl, dabei die Kontrolle zu verlieren, und um Maßnahmen, mit denen Betroffene versuchen, eine Gewichtszunahme zu verhindern – etwa Erbrechen, Fasten, Missbrauch von Abführmitteln oder sehr intensiver Sport. Zusätzlich werden Blutwerte, Herzfunktion und der allgemeine Gesundheitszustand überprüft.

Nach ICD-10 wird Bulimie diagnostiziert, wenn

  • häufige Essanfälle auftreten, bei denen große Nahrungsmengen in kurzer Zeit gegessen werden,
  • diese Essanfälle mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten vorkommen,
  • ein deutliches Gefühl von Kontrollverlust beim Essen besteht,
  • regelmäßig Gegenmaßnahmen eingesetzt werden, um eine Gewichtszunahme zu verhindern (z. B. Erbrechen, Abführmittel, Fasten, exzessiver Sport) und die
  • Gedanken stark um Essen, Figur und Gewicht kreisen.

Im neueren ICD-11 wurden die Kriterien an die aktuelle Forschung angepasst:9

  • Essanfälle und kompensatorisches Verhalten müssen im Schnitt mindestens einmal pro Woche über den Zeitraum eines Monats auftreten, die Schwelle ist also niedriger als im ICD-10.
  • Kontrollverlust beim Essanfall: Essen größerer Mengen als gewöhnlich, Unfähigkeit, mit dem Essen aufzuhören
  • Anwendung unangemessener kompensatorischer Maßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.
  • Figur und Körpergewicht haben einen übermäßig großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl.
  • Ausgeprägter Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung in persönlichen, sozialen, schulischen / beruflichen Bereichen.

Was sind Binge-Eating-Symptome?

Für die Diagnose einer Binge‑Eating‑Störung gibt es laut ICD-11 einige Kernmerkmale, die zwingend erfüllt sein müssen, und weitere typische Zeichen, die die Diagnose stützen, aber nicht unbedingt alle vorliegen müssen.9

Wie wird Binge Eating behandelt?

Eine BES kann die Lebensqualität deutlich einschränken und ist häufig mit körperlichen und psychischen Folgeerkrankungen verbunden. Je früher eine gezielte Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen, Essattacken zu verringern, Folgeschäden vorzubeugen und die Lebensqualität zu verbessern. In vielen Fällen kann die Störung langfristig weitgehend zurückgedrängt werden.

Ambulante oder stationäre Behandlung

In den meisten Fällen erfolgt die Behandlung ambulant, etwa in einer psychotherapeutischen Praxis oder Spezialambulanz. Eine teilstationäre Therapie (Tagesklinik) oder ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik wird vor allem dann empfohlen, wenn schwere Begleiterkrankungen vorliegen, das Gewicht stark erhöht ist oder ambulante Behandlungen nicht ausreichen.

Psychotherapie

Psychotherapie im Einzel- und/oder Gruppensetting ist der zentrale Bestandteil der Behandlung. Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie gilt als Methode der ersten Wahl. Ziele der Therapie sind unter anderem:

  • Normalisierung des Essverhalten und schrittweise Reduktion des anfallsartigen Essens.
  • Identifizierung von Ursachen und aufrechterhaltenden Faktoren des übermäßigen Essens.
  • Verbesserung des Umgangs mit belastenden Gefühlen, ohne die „Bewältigungsstrategie“ Essen.
  • Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz.
  • Entwicklung gesunder Bewältigungsstrategien für Situationen, die Essattacken auslösen können.
  • Bei deutlich erhöhtem Gewicht kann im Anschluss oder begleitend eine gezielte Gewichtsreduktion geplant werden.

Weitere ergänzende Therapiebausteine

Zusätzlich zur Psychotherapie können weitere Angebote Betroffene dabei unterstützen, Veränderungen im Alltag umzusetzen und zu festigen. Welche der folgenden Maßnahmen sinnvoll sind, wird individuell entschieden.

  • Ernährungsberatung zur Strukturierung von Mahlzeiten und zum Abbau von Essensängsten
  • Bewegungs- und Körpertherapie
  • Entspannungsverfahren
  • kreative Verfahren wie Kunst‑ oder Musiktherapie
  • praktische Trainings wie Einkaufstraining oder Kochgruppen

Welche Folgen kann Binge Eating haben?

Binge Eating kann verschiedene körperliche und psychische Folgen haben, die den Alltag deutlich beeinträchtigen können. Zwar ist Übergewicht eine häufige Folge, aber nicht alle Betroffenen sind übergewichtig oder adipös.

Zu den möglichen körperlichen Folgen gehören neben Übergewicht bzw. Adipositas ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie andere Komponenten des metabolischen Syndroms. Oft treten zudem Belastungen des Bewegungsapparats wie Gelenk‑ und Rückenschmerzen auf. Viele Betroffene berichten auch über Magen‑Darm‑Beschwerden, etwa Völlegefühl, Sodbrennen oder Bauchschmerzen.​

Menschen mit einer Binge‑Eating‑Störung leiden meist unter weiteren psychischen Erkrankungen. Besonders häufig sind depressive Störungen, Angststörungen und andere Probleme der Emotionsregulation, die mit der Essstörung in einem wechselseitigen Zusammenhang stehen können. Hinzu kommen oft ausgeprägte Scham‑ und Schuldgefühle im Zusammenhang mit Essanfällen sowie ein negatives Selbstbild, was dazu beitragen kann, dass sich Betroffene aus sozialen Kontakten zurückziehen und ihre Lebensqualität insgesamt deutlich eingeschränkt ist.

Warum ist eine frühzeitige Behandlung wichtig?

Eine möglichst früh einsetzende Behandlung ist wichtig, um Folgeerkrankungen zu verhindern oder zu begrenzen und die Lebensqualität zu verbessern. Mit einer leitliniengerechten Therapie, insbesondere psychotherapeutischen Verfahren, lassen sich Essanfälle bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren. Ein erheblicher Teil wird über die Zeit weitgehend oder vollständig symptomfrei, andere profitieren durch eine Abschwächung ihrer Beschwerden.

Was können Betroffene selbst tun?

In der Regel ist bei einer Binge‑Eating‑Störung eine professionelle Behandlung notwendig. Bei ersten Anzeichen oder leichten Ausprägungen sowie begleitend zu einer ambulanten oder (teil-)stationären Therapie können Betroffene jedoch selbst einiges tun, um ihren Genesungsverlauf positiv zu beeinflussen.

  • Früh Hilfe suchen:Offenes Gespräch mit Hausärztin/Hausarzt, Psychotherapeutin, Beratungsstelle, anstatt jahrelang abzuwarten.
  • Regelmäßige, ausreichende Mahlzeiten etablieren:Drei Hauptmahlzeiten plus ggf. Zwischenmahlzeiten, um Hungern und Essanfälle zu vermeiden.
  • Ess- und Gefühlstagebuch führen:Zeiten, Situationen und Gefühle rund um Essanfälle dokumentieren, um persönliche Auslöser zu erkennen.
  • Alternativen zu Essanfällen einüben:In belastenden Situationen andere Strategien testen (Bewegung, Entspannung, Kontakt zu vertrauten Personen, kurz aus der Situation gehen).
  • Scham und Selbstabwertung hinterfragen:Sich bewusst machen, dass BES eine anerkannte psychische Erkrankung ist. Selbsthilfegruppen und seriöse Online‑Angebote können hilfreich sein.
  • Realistische, kleine Schritte planen:Anstatt alles sofort perfekt machen zu wollen, lieber konkrete, erreichbare Ziele festlegen, z.  eine strukturierte Mahlzeit pro Tag, ein Essanfall weniger pro Woche.

Hilfe bei Binge Eating finden

Für Betroffene einer BES wie auch anderer Essstörungen gibt es zahlreiche Anlaufstellen und Hilfsangebote – auch online, was die Hürde für die Inanspruchnahme von Unterstützung senkt.

Hausarzt
Erste Anlaufstelle für Diagnostik und Beratung

Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie
Diagnostik und Behandlung

Kliniken für Essstörungen

Institutsambulanzen, teil- und vollstationäre Behandlung

Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG)
Telefonische Erstberatung: 0221 892031
Mailkontakt: essstoerung(at)bioeg.de

App-unterstützte Online-Therapie
Kostenfrei mit ärztlichem Rezept, alternativ als Selbstzahler

 

Häufige Fragen zum Thema Binge Eating

Nein. Die BES ist eine psychische Erkrankung, bei der es zu wiederkehrenden Essanfällen mit Kontrollverlust kommt. Adipositas beschreibt ein stark erhöhtes Körpergewicht. Viele, aber nicht alle Menschen mit einer Binge‑Eating‑Störung haben Übergewicht oder Adipositas. Umgekehrt kann Adipositas auch ohne Essstörung und aus ganz anderen Gründen entstehen.

Ein Essanfall ist eine Episode, bei der Betroffene innerhalb eines begrenzten Zeitraums deutlich größere Mengen an Nahrung zu sich nehmen als andere Menschen unter ähnlichen Umständen. Dabei haben sie das Gefühl, mit dem Essen nicht aufhören oder die zugeführte Nahrungsmenge nicht steuern zu können. Oft geschieht dies unabhängig davon, ob körperlicher Hunger besteht. Viele spüren während des Essens eine kurzfristige Erleichterung oder erleben ein „Abschalten“, leiden danach aber häufiger unter Schuldgefühlen, Scham oder Ekel.

Merkmale beider Essstörungen sind Essanfälle und Kontrollverlust. Bei der Bulimie (Bulimia nervosa) versuchen Betroffene regelmäßig, eine Gewichtszunahme durch Maßnahmen wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport auszugleichen. Bei der Binge‑Eating‑Störung werden solche Maßnahmen nicht regelmäßig eingesetzt.

Mit einer geeigneten Behandlung lässt sich die Häufigkeit von Essanfällen bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren. Verläufe ohne professionelle Hilfe sind unterschiedlich: Bei manchen Menschen kann die Symptomatik im Laufe der Zeit nachlassen oder vorübergehend verschwinden. In der Regel geht man aber davon aus, dass eine Binge‑Eating‑Störung chronisch verläuft, wenn sie nicht gezielt behandelt wird.

Deshalb ist es wichtig, nicht nur an den Essanfällen selbst anzusetzen, sondern auch an den zugrundeliegenden und aufrechterhaltenden Faktoren (z. B. Emotionsregulation, Selbstwert, Umgang mit Stress). Rückfälle können trotz Behandlung vorkommen, gelten aber als normaler Bestandteil vieler Krankheitsverläufe und lassen sich meistens gut auffangen, wenn Patienten und Behandelnde frühzeitig gegensteuern.

In Deutschland ist derzeit kein Medikament spezifisch für BES zugelassen. International ist Lisdexamfetamin, ein Stimulans, das auch zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird, in den USA zugelassen. Es kann Essanfälle kurzfristig reduzieren, hat aber auch ein gewisses Missbrauchs‑ und Nebenwirkungsrisiko.

Leitlinien sehen Psychotherapie als Behandlung erster Wahl für Patienten mit BES. Medikamente wie SSRI (z. B. Fluoxetin), bestimmte Antiepileptika (z. B. Topiramat) oder Lisdexamfetamin kommen allenfalls ergänzend infrage, etwa bei starker komorbider Depression und/oder ADHS oder sehr hoher Anfallsfrequenz.​​

GLP‑1‑Rezeptoragonisten (z. B. Semaglutid) werden zur Adipositasbehandlung eingesetzt und zeigen in ersten Studien eine Verringerung von Essattacken, sind aber (noch) nicht für BES zugelassen und werden nur im Rahmen einer adipositasmedizinischen Behandlung gegeben.10

Zahlreiche Studien zeigen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Binge Eating und Substanzkonsumstörungen gibt. Dazu zählen u. a., Alkoholmissbrauch, Cannabiskonsum und die missbräuchliche Verwendung von Amphetaminen, Benzodiazepinen etc. Die Substanzen werden vor allem zur Stimmungsregulation oder als Appetitzügler eingesetzt. Es ist also wichtig, die Suchterkrankung wie auch die Essstörung zu behandeln. In der Regel erfolgt dies im stationären Setting.

Digitale, internetbasierte oder appgestützte CBT‑Programme (z. B. angeleitete Selbsthilfe, Online-Therapieplattformen) wurden in mehreren Studien geprüft. Sie können Essanfälle und Symptome reduzieren. Allerdings sind sie dazu gedacht, Versorgungslücken zu schließen. In der Regel ersetzen sie keine reguläre Psychotherapie.​11

Impulsivitätsbezogene Trainingsprogramme (z. B. das Gruppenprogramm ImpulsE) zielen auf eine Verbesserung der Impuls- und Emotionsregulation. Erste kleinere Studien zeigen eine Reduktion von Essanfällen und eine Verbesserung der nahrungsbezogenen Verhaltenssteuerung.​​12

Neuromodulationsverfahren (z. B. transkranielle Magnetstimulation, transkranielle Gleichstromstimulation) sowie computergestützte kognitive Trainings (z. B. Attention Bias Modification) werden experimentell untersucht. Bislang gibt es nur frühe, kleine Studien, sodass diese Verfahren noch nicht Teil der Regelversorgung sind.13

Leitlinien empfehlen, zunächst das Essverhalten zu stabilisieren und Essanfälle psychotherapeutisch zu behandeln, weil reine Diäten oder primär gewichtsorientierte Programme ohne Essstörungsbehandlung das übermäßige Essen häufig nicht zuverlässig verringern, sondern durch restriktives Essen sogar begünstigen können.

Bei bariatrischer Chirurgie (z. B. Magenbypass, Sleeve) ist eine unbehandelte Binge‑Eating‑Störung mit schlechteren Ergebnissen, einem höheren Rückfallrisiko in Essanfälle sowie einer geringeren nachhaltigen Gewichtsabnahme bzw. einem erhöhten Risiko für erneute Gewichtszunahme assoziiert. Daher werden eine sorgfältige essstörungsbezogene Diagnostik und gegebenenfalls eine Vor- bzw. Begleittherapie empfohlen.

Eine isolierte Gewichtsreduktion ohne Behandlung der Essanfälle gilt insgesamt eher als riskant: Das Körpergewicht kann kurzfristig sinken, während Essattacken, Scham und psychische Belastung fortbestehen oder sich verstärken. Sinnvoll ist daher ein integriertes Vorgehen aus Psychotherapie und, bei Bedarf, strukturierter Gewichtsreduktion – bei schwerer Adipositas vorzugsweise in spezialisierten Zentren.

1 Giel, K., Zipfel, S. & Schag, K.: „Binge-Eating-Störung – State of the Art“. Nervenarzt 96, 238–246 (2025). https://doi.org/10.1007/s00115-025-01818-6, https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-025-01818-6 (Datum des Zugriffs: 18.12.2025)

2 Halbeisen, Georg et al. „Essstörungen bei Männern – Unterschätztes Störungsbild, ungesehener Bedarf“, Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 86-91; DOI: 10.3238/arztebl.m2023.0246, https://www.aerzteblatt.de/archiv/essstoerungen-bei-maennern (Datum des Zugriffs: 18.12.2025)

3 Giel, K., Zipfel, S. & Schag, K., a. a. O.

4 Ebd.

5 Prof. Dr. med. Stephan Herpertz, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche. Psychotherapie (DGPM) (Hrsg.): „S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen“, S. 247, (Datum des Zugriffs: 06.11.2025), https://register.awmf.org/assets/guidelines/051-026l_S3_Essstoerung-Diagnostik-Therapie_2020-03-abgelaufen.pdf, (Datum des Zugriffs: 18.12.2025)

6 Ebd., S. 245 ff.

7 Giel, K., Zipfel, S. & Schag, K., a. a. O.

8 Ebd.

9 WHO, ICD-11 for Mortality and Mobidity Statistics, 6B82 Binge eating disorder 2025-01, https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en#1673294767 (Datum des Zugriffs: 20.01.2026)

10 Himmerich, H.: „Glucagon-like-peptide-1-Rezeptoragonisten: eine neue pharmakologische Behandlungsoption für psychiatrische Erkrankungen?“, In: Der Nervenarzt, 3/2025, https://www.springermedizin.de/glp-1-rezeptoragonist/glp-1-rezeptoragonist/glucagon-like-peptide-1-rezeptoragonisten-eine-neue-pharmakologi/50715634, (Datum des Zugriffs: 20.01.2026)

11 Wilhelm, K.: „Online-Therapie bei Binge Eating ähnlich hilfreich wie Psychotherapie“, 07.11.2025, https://www.apotheken-umschau.de/gesund-bleiben/psyche/binge-eating-digitale-hilfe-zeigt-aehnliche-erfolge-wie-therapie-1434321.html, (Datum des Zugriffs: 20.01.2026)

12 Legenbauer, T., Preuss, H.: „Verbesserung der Impuls- und Emotionsregulation bei Binge-Eating-Störungen“, Online veröffentlicht am 03.09.2019, https://doi.org/10.1026/0942-5403/a000292, (Datum des Zugriffs: 20.01.2026)

13 Pasquale EK, Boyar AM, Boutelle KN.: „Reward and Inhibitory Control as Mechanisms and Treatment Targets for Binge Eating Disorder“. Curr Psychiatry Rep. 2024 Nov;26(11):616-625. doi: 10.1007/s11920-024-01534-z. Epub 2024 Sep 24. PMID: 39316228; PMCID: PMC11579074., https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11579074/, (Datum des Zugriffs: 20.01.2026)

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