
Hilfe für Angehörige psychisch kranker Menschen
Wenn Sie sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen
Sie merken, dass sich ein Mensch, der Ihnen nahesteht, verändert: Er zieht sich zurück, wirkt ungewöhnlich niedergeschlagen oder ängstlich oder verhält sich anders als sonst? Das kann verunsichern und die Frage aufwerfen, ob es nur eine Phase ist oder eine psychische Erkrankung dahintersteckt. Hier finden Sie Orientierung, Tipps und passende Hilfsangebote.
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Was trifft auf Ihre Situation zu?
Dann geht es zunächst darum, Veränderungen besser einzuordnen und einen guten Weg ins Gespräch zu finden.
Dann stehen andere Fragen im Vordergrund: Was hilft im Alltag? Wie können Sie unterstützen? Wo liegen Ihre Grenzen? Was ist bei einer Krise zu tun?
Du bist nicht allein
Sie vermuten eine psychische Erkrankung
Wenn Sie jemanden gut kennen, fallen Ihnen Veränderungen oft früh auf. Ob dahinter eine psychische Erkrankung steckt, können Sie als Angehörige jedoch nicht sicher beurteilen. Dafür braucht es eine fachliche Diagnostik durch qualifizierte Ärzte oder Psychotherapeuten. Denn psychische Beschwerden können auch nur vorübergehend auftreten und unterschiedliche Ursachen haben. Entscheidend sind unter anderem Art, Dauer und Stärke der Beschwerden, ihr Zusammenspiel und ihre Auswirkungen auf den Alltag.
Ihre Wahrnehmung ist trotzdem wichtig: Typische Merkmale psychischer Erkrankungen zu kennen, kann Ihnen helfen, Veränderungen besser einzuordnen, das Gespräch zu suchen und bei Bedarf eine professionelle Abklärung anzuregen.
Wie spreche ich jemanden auf psychische Veränderungen an?
Wenn Sie sich Sorgen machen, kann ein offenes Gespräch ein wichtiger erster Schritt sein. Dabei geht es nicht darum, Ihrem Gegenüber eine Diagnose zuzuschreiben, sondern anzusprechen, was Ihnen aufgefallen ist und zu erfahren, wie er oder sie die Situation selbst erlebt.
Erwarten Sie nicht, alles mit einem Gespräch klären zu können. Ihr Gegenüber muss Ihre Einschätzung nicht sofort teilen oder Hilfe annehmen. Sie können signalisieren, dass Sie ansprechbar bleiben und das Thema später erneut aufgreifen.
Wenn eine Person stark verwirrt wirkt, den Bezug zur Realität verliert oder eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht, braucht es eine andere Vorgehensweise und gegebenenfalls schnelle professionelle Hilfe. Dann sollten Sie nicht versuchen, die Situation allein durch ein klärendes Gespräch zu lösen. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung wählen Sie 112.
Tipps für das Gespräch:
- Wählen Sie einen passenden Moment. Sprechen Sie das Thema möglichst in Ruhe an und nicht mitten im Streit oder unter Zeitdruck.
- Bleiben Sie bei Ihren Beobachtungen. Statt „Ich glaube, du hast eine Depression“ könnten Sie sagen: „Du ziehst dich seit einiger Zeit sehr zurück und wirkst erschöpft. Ich mache mir Sorgen. Wie geht es dir?“
- Hören Sie zu. Geben Sie Ihrem Gegenüber Raum, die eigene Sicht zu schildern. Fragen Sie nach, ohne sofort zu bewerten, zu widersprechen oder Lösungen vorzuschlagen.
- Äußern Sie Ihre Sorge, ohne Druck aufzubauen. Wenn die Veränderungen anhalten oder stark belasten, können Sie eine professionelle Abklärung anregen: „Möchtest du einmal mit deinem Hausarzt darüber sprechen? Wenn du möchtest, unterstütze ich dich dabei.“
Gibt es einen Test, ob mein Partner psychisch krank ist?
Wenn Sie sich Sorgen machen, liegt der Wunsch nach einem Test nahe. Vielleicht überlegen Sie sogar, einen Selbsttest aus Sicht Ihres Partners auszufüllen. Solche Tests sind jedoch dafür entwickelt, dass Betroffene ihre Beschwerden selbst einschätzen. Als Angehörige können Sie zwar Veränderungen wie Rückzug oder geringe Aktivität beobachten, innere Symptome wie Ängste, Hoffnungslosigkeit oder Schuldgefühle aber nur begrenzt beurteilen. Ein stellvertretend ausgefüllter Selbsttest ist deshalb nicht zuverlässig interpretierbar.
Eine psychische Erkrankung ist bereits bekannt
Ist bereits eine Diagnose gestellt, geht es nicht mehr darum, selbst herauszufinden, „was die Person hat“. Jetzt ist wichtiger zu verstehen, was die Erkrankung für den Betroffenen bedeutet und welche Unterstützung tatsächlich hilfreich ist.
Wie kann ich einen psychisch kranken Menschen unterstützen?
Wenn eine psychische Erkrankung bekannt ist, kann es helfen, mehr über das Krankheitsbild und seine möglichen Auswirkungen im Alltag zu wissen. Das kann manches Verhalten verständlicher machen, ohne alles automatisch mit der Erkrankung zu erklären. Welche Unterstützung hilfreich ist, sollten Sie möglichst mit der betroffenen Person abstimmen, z. B.:
- zu Terminen begleiten oder bei einzelnen Aufgaben entlasten
- Verständnis, Ruhe und Verlässlichkeit im Alltag geben
- in stabileren Phasen gemeinsam auf mögliche Frühwarnzeichen achten
- besprechen, was bei einer Verschlechterung helfen könnte
Achten Sie dabei auch auf Ihre eigenen Kräfte und Grenzen. Sie müssen nicht alles auffangen oder jederzeit verfügbar sein. Unterstützung heißt nicht, die Verantwortung für Behandlung oder Genesung zu übernehmen.
Was hilft im Umgang miteinander?
Psychische Erkrankungen können verändern, wie Menschen kommunizieren, reagieren oder ihren Alltag bewältigen. Für Sie als Angehörige ist dabei nicht immer leicht einzuschätzen, was mit der Erkrankung zusammenhängt und was zu einem Konflikt oder zur Persönlichkeit gehört.
Ein Patentrezept für den richtigen Umgang gibt es nicht. Hilfreich ist meist eine wertschätzende und konkrete Kommunikation, die die Bedürfnisse und Grenzen beider Seiten berücksichtigt.
| Hilfreich | Weniger hilfreich |
| Zuhören und nachfragen, wie das Gegenüber etwas erlebt | Verhalten vorschnell als Desinteresse oder Ablehnung deuten |
| Konkrete Beobachtungen und eigene Anliegen ansprechen | Vorwürfe oder pauschale Aussagen machen |
| Wünsche aussprechen und klare Absprachen treffen | Erwarten, dass der andere von selbst weiß, was er braucht |
| Verständnis zeigen, ohne jedes Verhalten gutheißen zu müssen | Die Person nur noch über ihre Erkrankung wahrnehmen |
| Unterstützung anbieten und gemeinsam klären, was hilfreich ist | Ungefragt Lösungen vorgeben oder Druck aufbauen |
| Anforderungen an die aktuelle Belastbarkeit anpassen und kleine Schritte wahrnehmen | An früherer Leistungsfähigkeit messen oder überfordern |
| Eigene Bedürfnisse und Grenzen benennen | Dauerhaft alles auffangen und die eigene Belastung übergehen |
Wichtig ist nicht, immer „richtig“ zu reagieren. Im Gespräch zu bleiben, Missverständnisse anzusprechen und gemeinsam herauszufinden, was für beide Seiten tragbar ist, kann den Umgang miteinander erleichtern.
In einer akuten psychischen Krise gelten teilweise andere Empfehlungen. Bei ausgeprägter Verwirrtheit oder psychotischem Erleben sollten Sie beispielsweise ruhig bleiben, nicht über die veränderte Wahrnehmung streiten und möglichst für eine reizärmere Umgebung sorgen. Holen Sie professionelle Unterstützung, wenn die Situation nicht mehr sicher einzuschätzen ist. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung wählen Sie 112.
Wie viel Verantwortung muss ich übernehmen?
Vielleicht übernehmen Sie inzwischen viele Aufgaben, organisieren Termine oder versuchen, Krisen und Belastungen abzufangen. Unterstützung kann wichtig sein – sie bedeutet aber nicht, dass Sie die Verantwortung für die Erkrankung oder Behandlung übernehmen müssen.
Besprechen Sie möglichst gemeinsam, wobei Ihre Hilfe gebraucht wird und was die betroffene Person selbst übernehmen kann. Dabei dürfen auch Ihre eigenen Möglichkeiten eine Rolle spielen: Was können und möchten Sie leisten und wo erreichen Sie Ihre Grenzen?
Sie sind als Partner, Familienmitglied oder Freund eine wichtige Bezugsperson, aber nicht für die Behandlung zuständig. Wenn Sie merken, dass die Belastung zu groß wird, ist es sinnvoll, Aufgaben abzugeben und sich selbst Unterstützung zu holen.
Bei akuten Krisen oder Selbst- bzw. Fremdgefährdung sollten Sie professionelle Hilfe hinzuziehen, statt die Situation allein auffangen zu wollen.
Wo bekommen Angehörige psychisch Kranker Hilfe?
Sie können Beratung und Unterstützung in Anspruch nehmen – auch wenn Sie selbst nicht psychisch erkrankt sind und auch dann, wenn Ihr Angehöriger keine Hilfe möchte.
Beratung speziell für Angehörige
Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) bietet vertrauliche Beratung durch Menschen mit eigener Erfahrung aus der psychiatrischen Selbsthilfe.
Angehörigengruppen und Selbsthilfe
Im SelbsthilfeNetz des BApK können Sie bundesweit nach Angehörigengruppen und nach Angeboten zu einzelnen Erkrankungen suchen.
Sozialpsychiatrischer Dienst
An den sozialpsychiatrischen Dienst können Sie sich wenden, wenn Sie sich Sorgen um einen Menschen machen, der selbst keine Hilfe sucht oder Hilfsangebote nicht erreicht.
Wenn Sie selbst psychotherapeutische Unterstützung brauchen
Die Erkrankung eines nahestehenden Menschen kann auch die eigene psychische Gesundheit belasten. Über die Telefonnummer 116117 können Sie einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren.
Hilfe speziell bei Depressionen
Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention bietet auch Tipps, Hilfe und ein Info-Telefon für Angehörige.
Hilfe für junge Angehörige
Der BApK bietet mit PEER4U eine anonyme Peer-Chatberatung für junge Menschen an, die einen psychisch belasteten oder erkrankten Menschen begleiten.
Was tun bei einer psychischen Krise?
Eine psychische Krise kann im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung auftreten, aber auch unabhängig davon. Wenn sich der Zustand eines Menschen stark verschlechtert, Sie die Situation nicht mehr sicher einschätzen können, die Person den Bezug zur Realität verliert oder eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht, sollten Sie professionelle Hilfe hinzuziehen.
Je nach Situation kommen die behandelnde ärztliche oder psychotherapeutische Praxis, der Sozialpsychiatrische Dienst, ein regionaler Krisendienst oder eine psychiatrische Ambulanz oder Klinik infrage.Außerhalb regulärer Sprechzeiten erreichen Sie bei dringendem, aber nicht lebensbedrohlichem Hilfebedarf den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
Bei Suizidgedanken oder akuter Gefahr
Äußerungen über Suizid sollten Sie immer ernst nehmen. Wenn Sie sich Sorgen machen, dürfen Sie Suizidgedanken direkt und behutsam ansprechen. Versuchen Sie nicht, die Gefährdung allein einzuschätzen, sondern holen Sie professionelle Unterstützung.
Besteht eine akute Gefahr, konkrete Suizidabsicht oder Selbst- bzw. Fremdgefährdung, wählen Sie 112. Bleiben Sie bei einer akut suizidgefährdeten Person möglichst vor Ort, bis professionelle Hilfe eintrifft. Wenn Sie selbst in einer Krise sind oder dringend jemanden zum Reden brauchen, erreichen Sie die TelefonSeelsorge anonym, kostenfrei und rund um die Uhr:
- 116 123
- 0800 111 0 111
- 0800 111 0 222
Häufige Fragen von Angehörigen
Was kann ich tun, wenn die Person kein Problem sieht oder Hilfe ablehnt?
Das kann schwer auszuhalten sein. Versuchen Sie trotzdem nicht, Ihr Gegenüber von einer Diagnose zu überzeugen. Bleiben Sie bei konkreten Beobachtungen, äußern Sie Ihre Sorge und bieten Sie einen kleinen nächsten Schritt an, etwa ein Gespräch beim Hausarzt oder Hilfe bei der Terminvereinbarung.
Wird Hilfe abgelehnt, können Sie ansprechbar bleiben und das Thema später erneut aufgreifen. Gleichzeitig gilt: Die Entscheidung über eine Behandlung liegt grundsätzlich bei der betroffenen Person.
Wenn Sie die Situation nicht mehr einschätzen können oder sich ernsthafte Sorgen machen, können Sie sich auch selbst an den Sozialpsychiatrischen Dienst wenden.
Kann ich feststellen, ob mein Partner eine Depression hat?
Sie können Veränderungen und typische Symptome wahrnehmen, aber keine Depression diagnostizieren. Wenn Ihr Partner selbst unsicher ist, kann ein anerkannter Selbstfragebogen erste Hinweise geben. Eine Diagnose erfolgt ärztlich oder psychotherapeutisch.
Woher weiß ich, ob Ängste noch normal sind?
Angst ist grundsätzlich normal. Hinweise auf eine Angststörung können sich ergeben, wenn Ängste anhaltend sehr stark sind, sich kaum kontrollieren lassen und den Alltag deutlich beeinträchtigen. Für eine sichere Einordnung ist eine professionelle Abklärung notwendig.
Mein Partner hat sich nach einem schlimmen Erlebnis verändert. Ist das eine PTBS?
Rückzug, Schlafprobleme, starke Anspannung oder erhöhte Schreckhaftigkeit können nach belastenden Erlebnissen auftreten. Sie beweisen jedoch keine PTBS. Für die Diagnose werden Art, Dauer und Auswirkungen der Beschwerden fachlich beurteilt.
Darf ich mich abgrenzen?
Ja. Unterstützung bedeutet nicht, die eigenen Belastungsgrenzen aufzugeben. Der BApK empfiehlt ausdrücklich, die Bedürfnisse beider Seiten im Blick zu behalten und die eigene Gesundheit zu schützen.