
Medikamentensucht
Direkt zum Thema
- Medikamentensucht kann durch Missbrauch oder bei ärztlich verordneter Einnahme entstehen.
- Ein hohes Suchtpotenzial besitzen Z-Drugs, Opiate und Opioide sowie Benzodiazepine.
- Bei sogenannter Niedrigdosisabhängigkeit genügt meist ein langsames Abdosieren.
- Bei Hochdosisabhängigkeit wird die Therapie in einer Klinik empfohlen.
- Ohne Behandlung kann die Sucht schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen.
Abhängig von Medikamenten – wenn Tabletten den Alltag bestimmen
Spätestens mit der sogenannten Opioidkrise in den USA ist das Thema Medikamentensucht auch hierzulande in den Fokus gerückt. Denn: Den Ergebnissen des Epidemiologischen Suchtsurveys zufolge, zeigen 2,9 Millionen Menschen in Deutschland einen problematischen Medikamentenkonsum.1 Das Problem: Viele Arzneimittel besitzen ein Suchtpotenzial, das den Patienten oft gar nicht bewusst ist.
Was ist Medikamentensucht?
Als Medikamentensucht wird eine Abhängigkeitserkrankung bezeichnet, die durch die Einnahme von Medikamenten ausgelöst wird. Hier kommen verschiedene Wirkstoffe bzw. Wirkstoffgruppen wie zum Beispiel Opiate und Opioide sowie Benzodiazepine in Frage. Eine sogenannte Tablettensucht kann unwissentlich durch die langfristige Einnahme ärztlich verordneter Medikamente entstehen, aber auch als Folge eines bewussten Medikamentenmissbrauchs auftreten. Wegen der potenziellen Folgeschäden wird eine Behandlung empfohlen.

Was ist der Unterschied zwischen Medikamentensucht und Medikamentenmissbrauch?
Unter einem Medikamentenmissbrauch wird die missbräuchliche Anwendung von Arzneimitteln, zum Beispiel zu Rauschzwecken, verstanden. Aus einem Medikamentenmissbrauch kann langfristig eine Medikamentenabhängigkeit entstehen. Während der Begriff „Medikamentenmissbrauch“ sich auf ein Verhalten bezieht, beschreibt „Medikamentensucht“ eine Erkrankung. Diese kann aus der missbräuchlichen oder bestimmungsgemäßen Anwendung von Arzneimitteln hervorgehen.
Woran erkennt man eine Medikamentenabhängigkeit?
Die typischen Anzeichen einer Medikamentenabhängigkeit ähneln den Symptomen, die auch andere Abhängigkeitserkrankungen auslösen. Hinzu kommen verschiedene körperliche und psychische Symptome, die wiederum durch die konkret eingenommene Substanz hervorgerufen werden.
Typische Anzeichen einer Medikamentensucht
– Es besteht ein starkes Verlangen nach der Einnahme des Medikaments.
– Die Dosis muss regelmäßig gesteigert werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
– Die Kontrolle über Einnahmedauer, -menge und -beginn geht zunehmend verloren.
– Bei ausbleibender oder zeitlich verzögerter Einnahme treten Entzugssymptome auf.
– Denken und Handeln wird immer stärker durch die Tabletten / das Medikament dominiert.
– Die Einnahme der Arzneimittel wird trotz negativer Konsequenzen weiter fortgesetzt.
Körperliche Anzeichen einer Medikamenten-
abhängigkeit
– Gewichtsverlust durch Mangelernährung
– Hautveränderungen
– Gangunsicherheit und Sturzneigung
– Zittern
– Schweißausbrüche
– anhaltende Schmerzen
– starke Schmerzempfindlichkeit
Psychische Anzeichen einer Medikamentenabhängigkeit
– innere Unruhe
– Stimmungsschwankungen
– Persönlichkeitsveränderungen
– Angst
– Depressionen bzw. depressive Verstimmungen
– kognitive Einbußen
Wer und wie viele sind betroffen?
Wie viele Menschen medikamentenabhängig sind, lässt sich aufgrund der hohen Dunkelziffer nur schwer bestimmen. Laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen ist von etwa 1,8 Millionen Medikamentenabhängigen auszugehen.2 Besonders häufig betroffen sind Frauen in der zweiten Lebenshälfte. Zu den suchtauslösenden Präparaten gehören vor allem Wirkstoffe aus der Gruppe der Schmerzmittel (Opiate und Opioide), der Schlafmittel (z. B. Z-Drugs) und der Beruhigungsmittel (z. B. Benzodiazepine).

Welche Auslöser gibt es für eine Tablettensucht?
Wie und bei wem sich eine Abhängigkeit von Medikamenten ausbildet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie bei anderen Suchterkrankungen auch, wird deshalb von einem multifaktoriellen Entstehungsmodell ausgegangen. Einige der Einflussfaktoren werden nachfolgend vorgestellt.
Wirkstoffe mit hohem Suchtpotenzial
Deutschlandweit haben etwa 4 bis 5 Prozent aller verordneten Medikamente ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial. Insbesondere manche Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel können bereits bei niedriger Dosierung und kurzer Anwendung abhängig machen. Gerade die Wirkstoffe aus der Gruppe der Opiate und Opioide, Benzodiazepine und Z-Drugs haben ein hohes Suchtpotenzial.
Dosis und Dauer
der Einnahme
Je länger ein potenziell suchtauslösendes Medikament eingenommen wird und je höher die regelmäßige Dosis ist, umso größer ist die Gefahr einer Abhängigkeit. Denn: Als psychoaktive Substanzen führen die Arzneimittel langfristig zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, die charakteristisch für eine Abhängigkeitserkrankung sind. Problematisch kann auch eine Niedrigdosisabhängigkeit sein. Diese stellt sich aber meist erst nach langer Zeit ein und lässt sich unter ärztlicher Anleitung gut behandeln.3
Psychische Faktoren und weitere Auslöser
Psychische Faktoren können einen Einfluss auf die Ausbildung einer Tablettensucht haben. So machen psychische Erkrankungen, Stress oder soziale Konflikte die Einnahme von potenziell suchtauslösenden Arzneimitteln oft überhaupt erst erforderlich. Eine weitere Ursache können leider auch allzu verordnungsbereite Ärzte sein. Oft werden potenziell suchtauslösende Arzneimittel bereits bei leichten Symptomen verschrieben. Das Risiko für eine daraus entstehende Sucht ist hoch.
Wie wird eine Medikamentensucht diagnostiziert?
Die Diagnose einer Medikamentensucht wird meist auf Basis der Prüfung ärztlicher Verordnungen und der Angaben des Patienten gestellt. Eine klinische Untersuchung ist zusätzlich sinnvoll. Laborergebnisse müssen meist nicht angefordert werden. Um die korrekte Diagnose zu stellen, ist es wichtig, dass Betroffene wahrheitsgemäß über ihren Medikamentenkonsum informieren – insbesondere, wenn die Diagnose nicht durch den Arzt gestellt werden soll, der die Präparate ursprünglich verschrieben hat.
Wo und wie wird eine Tablettensucht behandelt?
Wenn Medikamente eine Sucht ausgelöst haben, ist ein strategisches und medizinisch fundiertes Vorgehen gefragt. Auf keinen Fall sollte die Medikamenteneinnahme einfach gestoppt werden. Hier besteht ein hohes Risiko für schwere Entzugserscheinungen und Rebound-Effekte.
Ambulant oder stationär
Bei Niedrigdosisabhängigkeit ist ggf. ein ambulanter Medikamentenentzug möglich. Sind keine schweren Entzugserscheinungen zu erwarten, wird das jeweilige Präparat unter ärztlicher Anweisung langsam ausgeschlichen. Liegt hingegen eine schwere Tablettensucht vor, ist der Entzug in einer Klinik sinnvoll. Hier kann das Ausschleichen kontrollierter erfolgen (ggf. mit Umstellung des Wirkstoffs). Entzugssymptome werden durch eine passende Medikation gelindert. Darüber hinaus kann direkt eine begleitende Entwöhnungstherapie beginnen.
Psychotherapie
Je länger ein potenziell suchtauslösendes Medikament eingenommen wird und je höher die regelmäßige Dosis ist, umso größer ist die Gefahr einer Abhängigkeit. Denn: Als psychoaktive Substanzen führen die Arzneimittel langfristig zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, die charakteristisch für eine Abhängigkeitserkrankung sind. Problematisch kann auch eine Niedrigdosisabhängigkeit sein. Diese stellt sich aber meist erst nach langer Zeit ein und lässt sich unter ärztlicher Anleitung gut behandeln.3

Was passiert, wenn eine Medikamentensucht nicht behandelt wird?
Die Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln, Schmerzmitteln und Co. kann langfristig schwere körperliche, psychische und soziale Folgen haben. Dabei fällt vor allem die Hochdosisabhängigkeit ins Gewicht.
- Mangel- und Fehlernährung
- Schwindel- und Sturzgefahr
- Organschäden
- Konzentrations- und Sprachstörungen
- Atemdepression (in Kombination mit anderen Wirkstoffen oder Alkohol)
- starke Stimmungsschwankungen
- Persönlichkeitsveränderungen
- emotionales Abstumpfen
- Depressionen
- innere Unruhe und paradoxe Reaktionen
- Angst
- Konflikte im beruflichen und/oder sozialen Umfeld
- sozialer Rückzug bis hin zur Isolation
Wie lässt sich einer Medikamentenabhängigkeit vorbeugen?
Der wichtigste Hinweis: Arzneimittel sollten immer genau nach den Vorgaben des behandelnden Arztes eingenommen werden. Patienten sollten im Zweifelsfall nach den Nebenwirkungen und dem Abhängigkeitspotenzial fragen. Hier kann notfalls auch der Apotheker weiterhelfen. Wenn es sich um Beruhigungsmittel, Schlafmittel oder Schmerzmittel handelt, sollten die Arzneimittel immer so kurz wie möglich und in so niedriger Dosis wie nötig eingenommen werden.
Hilfe bei Medikamentensucht finden
Wer befürchtet, an einer Tablettenabhängigkeit erkrankt zu sein, sollte sich im Normalfall zunächst an den Arzt wenden, der für die Verschreibung der Medikamente verantwortlich ist. Weitere Anlaufstellen können sein:
Erste Anlaufstelle
Hausärztin / Hausarzt
- Erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen
- Ausschluss körperlicher Ursachen
- Ausstellung von Vermittlungscodes für Facharztüberweisung
Therapeuten
Psychotherapeut:in
Über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Bundesvereinigung können gesetzlich versicherte Patient:innen einen Termin für ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten vereinbaren. Der Therapeut kann eine erste Einschätzung vornehmen, ob eine zeitnahe Akutbehandlung erforderlich ist oder eine ambulante Psychotherapie.
Ärzte
Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie
Zeitnahe Termine für Diagnostik und Behandlung können gesetzlich Versicherte mittels Vermittlungscode vom Hausarzt über die Terminservicestelle buchen.
Ambulanzen, Akut, Reha
Kliniken
Wenn eine ambulante Therapie nicht ausreicht, um die Angststörung zu behandeln, kann ein Klinikaufenthalt sinnvoll sein. Behandlungsmöglichkeiten, je nach Klinik:
- Angstambulanzen
- Teilstationär oder vollstationär
- Akutkliniken oder Rehakliniken
Alltag
Selbsthilfe
- Lokale Suche über Selbsthilfebüros oder über NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen).
Deutsche Angst-Hilfe e. V.
Aktivitäten, Online-Selbsthilfegruppen, Gruppensuche, Webinare, telefonische Unterstützung
Beratung
Chat, E-Mail, Telefon
- Telefonseelsorge
- Nummer gegen Kummer
- Jugend Notmail (bis 19 Jahre)
- bke-Jugendberatung (14 bis 21 Jahre)
- B2gether (16 bis 25 Jahre)
- Krisenchat (bis 24 Jahre)
Häufige Fragen zum Thema „Medikamentensucht“
Wie lange dauert ein Entzug von Medikamenten?
Wie lange ein Entzug von Medikamenten dauert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem spielen der konkrete Arzneistoff, die Dosis und die Dauer der Abhängigkeit eine Rolle. Mit Ausnahme von Patienten mit Niedrigdosisabhängigkeit ist von einer mehrwöchigen Therapie auszugehen. Im Idealfall werden körperlicher Entzug und psychische Entwöhnung direkt verknüpft.
Wie funktioniert das Ausschleichen?
Wenn Medikamente gegen Schmerzen oder Schlafstörungen eine Suchterkrankung verursacht haben, sollten diese nicht plötzlich abgesetzt werden. Stattdessen wird die Dosis über einen längeren Zeitraum kontrolliert reduziert, bis der Betroffene ohne Beschwerden auf die Einnahme verzichten kann. Bei manchen Tabletten ist zuvor eine Umstellung auf ein anderes Präparat erforderlich, das sich leichter ausschleichen lässt.
Wie lange dauern Nebenwirkungen nach Absetzen des Medikaments?
Ob Nebenwirkungen in Form von Entzugserscheinungen auftreten, wie schwer diese ausfallen und wie lange sie anhalten, kann individuell verschieden sein. Beim langsamen Ausschleichen ist das Risiko für Entzugssymptome reduziert. Sollten dennoch Beschwerden auftreten, halten körperliche Symptome meist nicht länger als ein bis zwei Wochen an. Psychische Suchtnebenwirkungen können jedoch länger bestehen. Umso wichtiger ist eine professionelle Therapie.