
Anorexie
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- Anorexia nervosa (Magersucht) ist eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene ihr Körpergewicht aktiv verringern oder niedrig halten und eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme
- Die Erkrankung betrifft überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene, insbesondere Mädchen und Frauen, zunehmend aber auch Jungen und Männer.
- Oft besteht eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers oder eine übermäßige Bedeutung von Figur und Gewicht für das Selbstwertgefühl.
- Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung, um Folgeschäden zu verhindern und einer Chronifizierung entgegenzuwirken.
Hungern bis zur Lebensgefahr – die Essstörung Anorexie
Warum hungern sich Menschen (fast) zu Tode oder riskieren schwere körperliche und seelische Schäden? Nur wegen eines Schönheitsideals? Nein! Magersucht entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer, familiärer und soziokultureller Einflüsse. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis oder ein geringes Selbstwertgefühl können das Risiko erhöhen.
Häufig entwickelt sich die Erkrankung schleichend, etwa in belastenden Lebenssituationen, die mit einem Gefühl von Kontrollverlust verbunden sind. Durch eine strenge Kontrolle des Essverhaltens oder Nahrungsverzicht kann vermeintlich der Eindruck entstehen, wieder selbst über das eigene Leben zu bestimmen. Allerdings kann sich daraus auch ein Teufelskreis aus Angst, Zwang und Selbstverlust entwickeln.
Was ist Magersucht?
Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine psychische Störung, bei der Betroffene ihr Gewicht gezielt verringern oder niedrig halten. Kennzeichnend für diese Form der Essstörung ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme, eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Äußeren und ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis in Bezug auf Essen und Gewicht.
Das niedrige Körpergewicht wird meist durch eine eingeschränkte Nahrungsaufnahme erreicht, manchmal auch durch übermäßigen Sport oder andere Maßnahmen zur Gewichtskontrolle. Ohne Behandlung kann die Erkrankung aufgrund der dauerhaften Unterversorgung zu schweren körperlichen und psychischen Schäden führen und lebensbedrohlich werden.

Wie häufig tritt Anorexie auf?
Die Häufigkeit der Anorexia nervosa lässt sich nicht eindeutig bestimmen, da die Zahlen je nach Studienpopulation, Diagnosekriterien und Erhebungsmethode variieren. In internationalen Übersichtsarbeiten wird eine Lebenszeitprävalenz von bis zu 3,6 % bei Frauen und etwa 0,3 % bei Männern berichtet. Diese Werte beziehen sich auf die Allgemeinbevölkerung und schließen alle Altersgruppen ein.1
In Deutschland liegen die Schätzungen etwas niedriger. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leiden im Verlauf des Lebens etwa 1,4 % der Frauen und rund 0,2 % der Männer unter Anorexia Nervosa.2
Wer ist besonders gefährdet, an Magersucht zu erkranken?
Die Entstehung einer Anorexie beruht auf einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychologischer, familiärer und soziokultureller Einflüsse. Um zu zeigen, wie vielschichtig das Erkrankungsgeschehen ist, haben wir relevante Einflussfaktoren und neue Forschungsergebnisse zur Entstehung der Anorexia nervosa zusammengetragen.
Bevölkerung in Industrieländern
Anorexie kommt vor allem in westlichen Ländern vor, in denen Schlanksein und Leistung besonders wichtig sind. Gefährdet sind vor allem Menschen, die in Bereichen aktiv sind, in denen das Aussehen oder das Gewicht eine große Rolle spielen.
Auch soziale Medien, die Meinung von Freundinnen und Freunden sowie die Einstellungen der Familie zum eigenen Äußeren und Gewicht können zusätzlichen Druck erzeugen. Entscheidend ist dabei weniger das Schönheitsideal selbst, sondern eher der Grad der Verinnerlichung und das Ausmaß des Vergleichs.3
Junge Menschen in Pubertät und Adoleszenz
Die Erkrankung beginnt meist in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter, also in einer Phase, die durch viele Veränderungen und Umbrüche gekennzeichnet ist: körperliche Veränderungen, (sexuelle) Identitätssuche, Ablösung von der Familie, Suche nach neuen Vorbildern und Idealen, Berufswahl etc.
Weibliches Geschlecht
Mädchen und junge Frauen sind stärker von Anorexie betroffen als Jungen und Männer. Das Verhältnis liegt bei etwa 10:1. Forschende vermuten, dass Jungen weniger anfällig sind, weil das männliche Hormon Testosteron eine gewisse Schutzfunktion haben könnte. Es ist schon im Fruchtwasser nachweisbar und beeinflusst die Entwicklung des Gehirns sowie das spätere Essverhalten.4
Weibliche Nachkommen Erkrankter
Die Zwillings- und Familienforschung hat herausgefunden, dass Mädchen und Frauen mit einem an Anorexia nervosa erkrankten Elternteil ein 11-fach höheres Risiko haben, ebenfalls zu erkranken.5
Genetische Veranlagung
Studien deuten darauf hin, dass genetische Unterschiede einen Einfluss auf die Ausprägung der Anorexie haben könnten. Eine große Untersuchung mit mehreren tausend Betroffenen fand Veränderungen auf Chromosom 12, die unter anderem mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Ängstlichkeit oder emotionaler Empfindlichkeit, aber auch mit biologischen Stoffwechselprozessen wie dem Cholesterin- oder Blutzuckerspiegel in Verbindung stehen. Anorexia nervosa könnte also nicht nur eine psychische, sondern auch eine stoffwechselbedingte Erkrankung sein.6
Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale
Manche Eigenschaften können das Risiko für Anorexia nervosa erhöhen. Dazu gehören Perfektionismus, ein geringes Selbstwertgefühl, Zwanghaftigkeit, Schüchternheit und der Wunsch, alles richtig zu machen.7 Auch die mangelnde Fähigkeit zur Emotionsregulation, Schwierigkeiten bei der Interpretation sozio-emotionaler Signale und Ängstlichkeit können die Entstehung einer Magersucht begünstigen.8
Dysfunktionale Bewältigungsstrategien
Manche reagieren auf Stress, Angst oder innere Konflikte, indem sie ihr Essverhalten stärker kontrollieren. Der selbstgewählte Verzicht auf Nahrung kann kurzfristig das Gefühl vermitteln, das eigene Leben wieder im Griff zu haben. Langfristig verstärkt dieses Verhalten jedoch die seelische Anspannung und kann in eine Essstörung münden, besonders, wenn gesunde Strategien zur Bewältigung von Belastungen fehlen.
Gestörtes Körperbild
Ein gestörtes Körperbild ist die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Menschen empfinden ihren Körper oder bestimmte Teile dann als „dick“, obwohl sie es objektiv nicht sind. Dies trägt nicht nur zur Entstehung der Erkrankung bei, sondern kann sie auch aufrechterhalten und Rückfälle provozieren, wenn die verzerrte Wahrnehmung trotz Behandlung bestehen bleibt.9
Diäten
Häufig beginnt die Erkrankung nach einer Diät oder einer Phase, in der das Essverhalten intensiv kontrolliert wurde. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein: Beeinflussung des Aussehens zur Attraktivitätssteigerung, Gewichtsreduktion, um im Sport erfolgreicher zu sein, Nahrungsrestriktion aufgrund von Stress uvm.10
Kritische Lebenssituationen
Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, Trennungen, Verluste, Bedrohungen des Selbstwertgefühls, Mobbing-Erfahrungen oder anhaltende Überforderung können die Erkrankung begünstigen oder verstärken. Auch Umweltfaktoren können einen erheblichen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko haben, wie Erhebungen während der COVID-19-Pandemie zeigen: Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 40 % mehr Jugendliche mit Anorexia nervosa stationär aufgenommen als in den Vorjahren. Ein Anstieg der Erkrankungszahlen zeigte sich auch in den USA, insbesondere bei Mädchen und Frauen.11
Was sind typische Magersucht-Symptome?
Oft ist es gar nicht so leicht, die ersten Anzeichen einer Magersucht zu erkennen, z. B. weil Betroffene ihr Verhalten plausibel rechtfertigen oder verharmlosen. Manche versuchen, die Gewichtsabnahme zu verbergen, indem sie beispielsweise weite Kleidung tragen. Umso wichtiger ist es, bereits kleine Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen sensibel wahrzunehmen, denn je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Behandlungsaussichten.
Erste Warnsignale
- Intensive Beschäftigung mit Figur, Gewicht und Ernährung, häufig begleitet von Diäten, dem Auslassen von Mahlzeiten oder eingeschränkter Nahrungsaufnahme.
- Verzerrte Körperwahrnehmung: Betroffene empfinden sich trotz Untergewicht oder normaler Figur als zu dick.
- Zunehmender Perfektionismus und Kontrollverhalten, insbesondere in Bezug auf Essen, Leistung oder körperliche Aspekte.
- Übermäßiger Bewegungsdrang oder exzessiver Sport zur Gewichtsregulation.
- Sozialer Rückzug, Stimmungsschwankungen und der Verlust früherer Interessen.
- Verstärkte Nutzung sozialer Medien oder ständige Vergleiche mit anderen können die Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren zusätzlich verstärken.
Symptome im weiteren Verlauf
- Deutliches Untergewicht mit Folgen wie Müdigkeit, Frieren, Kreislaufproblemen, Haarausfall, brüchigen Nägeln und trockener Haut.
- Hormonelle Veränderungen, z. B. Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhoe) oder verringerte Libido.
- Mangelerscheinungen durch Nährstoffdefizite, die Organe, Muskeln und das Immunsystem beeinträchtigen können.
- Zwanghaftes Verhalten im Zusammenhang mit Essen, Bewegung oder Kontrolle des Gewichts.
- Depressive Verstimmung, Ängste oder emotionale Instabilität, oft als Folge von Mangelernährung, sozialer Isolation oder Überforderung.
Wie entsteht eine Anorexie?
Wie schon erwähnt, entsteht die Erkrankung aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Wenn das Leben unsicher oder überfordernd wird, zum Beispiel in der Pubertät, in einer Krise oder bei starkem Leistungsdruck, entsteht natürlicherweise das Bedürfnis, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Ein strenges Essverhalten kann dann zu einer Strategie werden, um innere Anspannung oder das Gefühl des Kontrollverlusts vermeintlich zu regulieren.
Anfangs erscheint das restriktive Essen harmlos: Wer weniger isst oder Gewicht verliert, bekommt häufig sogar Anerkennung und erlebt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit: „Ich schaffe das.“ Diese positive Rückmeldung kann zur Verstärkung des Verhaltens beitragen.
Wenn Menschen über längere Zeit hungern, passt sich der Stoffwechsel an, um Energie zu sparen und überlebenswichtige Funktionen zu sichern. Diese Anpassungen können dazu beitragen, dass sich die Krankheit verstärkt und aufrechterhält. Durch den Energiemangel sinken die Spiegel wichtiger Hormone und Botenstoffe wie Leptin, Serotonin und Noradrenalin, während Cortisol und teils Dopamin erhöht sind:13
- Leptin, das normalerweise Sättigung signalisiert, fällt stark ab. Das führt paradoxerweise oft zu Ruhelosigkeit und Bewegungsdrang, ein Phänomen, das viele Betroffene beschreiben.
- Der niedrige Serotoninspiegel kann Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit und Zwanghaftigkeit fördern – Symptome, die typisch für Anorexie sind.
- Der erhöhte Cortisolspiegel wirkt wie ein Dauer-Stresszustand. Er kann kurzfristig ein Gefühl von Energie und „Belohnung“ vermitteln, was das restriktive Essverhalten unbewusst verstärkt.
- Gleichzeitig verändert sich das Dopaminsystem, das für Motivation und Belohnung zuständig ist: Hungerphasen und Gewichtsabnahme können kurzfristig positive Gefühle auslösen, ähnlich wie ein „Belohnungseffekt“, der den Kreislauf aus Nahrungsverzicht und Kontrolle stabilisiert.
Durch die neurobiologischen Veränderungen wirkt Hungern kurzfristig belohnend und beruhigend, obwohl es dem Organismus schadet. Das positive Gefühl verstärkt das Verhalten unbewusst und macht es zunehmend schwer, das Essverhalten zu ändern. Der Wunsch nach Kontrolle, Angst vor Gewichtszunahme und die physiologischen Anpassungen verstärken und stabilisieren einander und können in einen Teufelskreis münden. Anorexia nervosa gilt daher heute nicht nur als psychische, sondern auch als metabolisch-neurobiologische Störung.

Wie wird Anorexie diagnostiziert?
Ob eine Anorexia nervosa vorliegt, können Ärzte anhand der internationalen Diagnosemanuale (ICD-10 bzw. ICD-11) feststellen. Diese werden in größeren Abständen an den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung angepasst. Laut ICD-10 müssen folgende Kriterien für die Diagnose erfüllt sein:
- Deutliches Untergewicht: Ein Gewicht von mindestens 15 % unter dem erwarteten Gewicht oder ein BMI unter 17,5 kg/m2.
- Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust, z. B. durch Vermeidung hochkalorischer Nahrung, erzwungenes Erbrechen, Abführen, übermäßige Aktivität oder Appetitzügler.
- Körperschemastörung: Betroffene empfinden sich selbst als zu dick oder fürchten sich stark vor Gewichtszunahme, auch bei deutlichem Untergewicht.
- Endokrine Störungen: Bei Frauen tritt meist eine Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation) auf, bei Männern kann die Libido vermindert
- Bei Beginn vor der Pubertät: Verzögerung oder Hemmung der pubertären Entwicklung (z. B. Wachstumsstillstand, fehlende Brustentwicklung).
Die neueste Version des Diagnosemanuals, ICD-11, verzichtet auf die letzten beiden Punkte. Der BMI-Referenzwert wird bei 18,5 kg/m2 angesetzt bzw. bei Kindern und Jugendlichen unterhalb der 5. Altersperzentile. Für die Diagnostik bekommt das Verhalten, das einer normalen Gewichtsentwicklung entgegensteht (reduzierte Kalorienaufnahme, Erhöhung des Energieverbrauchs durch Sport etc.), eine größere Bedeutung.
Wie wird Magersucht behandelt?
Die Behandlung einer Magersucht verläuft in mehreren Schritten, die aufeinander aufbauen und individuell angepasst werden. Je nach körperlichem Zustand, Motivation und Stabilität können die Phasen ambulant, tagesklinisch oder stationär erfolgen. Ziel ist es, die körperliche Gesundheit wiederherzustellen, das Essverhalten zu normalisieren und die seelischen Ursachen zu bearbeiten.
1. Akutphase: Medizinische Stabilisierung
In der ersten Phase steht die körperliche Stabilisierung im Vordergrund. Wenn das Gewicht stark unter der Norm liegt oder akute gesundheitliche Risiken bestehen, etwa Kreislaufprobleme, Elektrolytstörungen oder Herzrhythmusstörungen, ist meist eine stationäre Behandlung erforderlich. Psychisch ist diese Zeit für viele Betroffene herausfordernd. Sie leiden unter starken Ängsten vor dem Zunehmen. Deshalb unterstützen Therapeutinnen und Therapeuten sie dabei, Vertrauen aufzubauen und erste Schritte in Richtung Veränderung zu gehen.
In dieser Phase geht es darum, den Kreislauf zu stabilisieren, eine Unterversorgung mit Nährstoffen zu verhindern und schrittweise wieder eine ausreichende Ernährung aufzubauen.
2. Aufbauphase: Gewichtszunahme und neues Essverhalten
Wenn der körperliche Zustand stabiler ist, folgt die gezielte Gewichtszunahme. In der Regel sind mehrere hundert Gramm pro Woche das Ziel. Ernährungsberatung und Psychoedukation (also Aufklärung über die Erkrankung) helfen, Ängste abzubauen und den Körper wieder als Verbündeten wahrzunehmen. Parallel beginnen erste psychotherapeutische Gespräche, die Motivation fördern und den Heilungsprozess stabilisieren.
In dieser Phase lernen Patientinnen und Patienten, regelmäßig zu essen, Mahlzeiten zu strukturieren und wieder ein Gefühl für Hunger und Sättigung zu entwickeln.
3. Psychotherapie: Magersucht-Ursachen verstehen und Muster verändern
Sobald das Gewicht stabiler ist und die Konzentration wieder zunimmt, rückt die psychische Aufarbeitung in den Mittelpunkt. In dieser Phase geht es darum, die tieferliegenden Ursachen der Magersucht zu verstehen, etwa Perfektionismus, Angst vor Kontrollverlust, Probleme mit dem Selbstwert oder familiäre Konflikte. Ziel ist es, ein gesundes Verhältnis zu Körper, Essen und Emotionen zu entwickeln. Auch soziale Themen, etwa der Wiedereinstieg in Schule, Ausbildung oder Arbeit, werden in dieser Phase begleitet.
Folgende Therapien können Betroffene unterstützten: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT-E), um festgefahrene Gedanken- und Verhaltensmuster zu verändern, Familientherapie, vor allem bei Jugendlichen, und psychodynamische Verfahren zur Bearbeitung unbewusster Konflikte.
4. Nachsorge: Rückfälle verhindern und Alltag stärken
Nach der intensiven Therapie folgt eine Nachsorgephase, die entscheidend für den langfristigen Erfolg ist. Hier geht es darum, das Erreichte zu festigen und Rückfälle zu vermeiden. Betroffene lernen, frühzeitig auf Warnzeichen zu achten und Strategien anzuwenden, um Krisen zu bewältigen. Auch Angehörige werden in dieser Phase einbezogen, um gemeinsam Stabilität im Alltag zu fördern.
Bei langjähriger oder chronischer Erkrankung steht nicht immer die vollständige Heilung im Vordergrund, sondern die Verbesserung der Lebensqualität, die Stabilisierung des körperlichen Zustands und die soziale Wiedereingliederung.
Wichtige Bestandteile sind regelmäßige Nachsorgetermine, psychotherapeutische Begleitung, Unterstützung durch Ernährungsfachkräfte und ggf. sozialtherapeutische Hilfen (z. B. betreutes Wohnen oder berufliche Wiedereingliederung).

Was passiert, wenn eine Magersucht nicht behandelt wird?
Wenn eine Magersucht nicht behandelt wird, kann sie schwerwiegende und lebensbedrohliche Folgen haben. Durch die anhaltende Mangelernährung kommt es zu Störungen nahezu aller Organsysteme. Häufig sind Herzrhythmusstörungen, niedriger Blutdruck, Kreislaufprobleme, Muskelschwäche und eine verringerte Knochendichte (Osteoporose). Auch Nieren, Leber und das Hormonsystem können dauerhaft geschädigt werden. Bei Frauen bleibt häufig die Regelblutung aus.
Neben den körperlichen Folgen entwickeln viele Betroffene psychische Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angst– oder Zwangsstörungen, die den Krankheitsverlauf zusätzlich erschweren. Menschen mit Anorexia nervosa haben zudem ein deutlich höheres Suizidrisiko. Schätzungen zufolge versterben etwa 5 bis 10 % der Betroffenen an den körperlichen oder psychischen Folgen der Erkrankung.
Anorexie: Was können Betroffene selbst tun?
Eine Magersucht ohne professionelle Unterstützung zu überwinden, ist sehr schwierig, weil viele Betroffene ihren Gewichtsverlust bzw. ihr Untergewicht oder die seelische Belastung zunächst nicht als Krankheit wahrnehmen. Der wichtigste Schritt ist also, überhaupt zu erkennen, dass ein ernstes gesundheitliches Problem vorliegt und sich dann professionelle Hilfe zu suchen, um die zugrundeliegenden Ursachen zu bearbeiten. Im Alltag können kleine Schritte helfen, den Genesungsprozess zu unterstützen:
- Regelmäßige Mahlzeiten einführen, möglichst ohne Kalorienzählen oder strenge Regeln.
- Verlässliche Routinen schaffen (z. B. feste Essenszeiten, ausreichend Schlaf).
- Austausch suchen, z. B. mit Familie, Freundinnen und Freunden oder in Selbsthilfegruppen.
- Körperakzeptanz üben, etwa durch achtsame Körperwahrnehmung oder Entspannungstechniken.
- Soziale Medien kritisch reflektieren, um sich weniger mit unrealistischen Körperbildern zu vergleichen.

Häufige Fragen zum Thema „Magersucht“
Wie lange dauert die Behandlung von Magersucht?
Die Behandlungsdauer bei Magersucht (Anorexia nervosa) hängt stark vom individuellen Verlauf, dem Schweregrad und der Motivation der betroffenen Person ab, in der Regel muss man mit mehreren Monaten rechnen.
Wann ist eine stationäre Behandlung sinnvoll?
Eine stationäre oder teilstationäre Therapie ist u. a. angezeigt, wenn:
- eine erhebliche Gefährdung (z. B. BMI < 15 kg/m2 bei Erwachsenen oder < 3. BMI-Perzentile bei Jugendlichen) besteht,
- eine rasche Gewichtsabnahme beobachtet wird,
- eine akute somatische oder psychische Krise (z. B. Suizidalität) vorliegt oder
- die ambulante Behandlung nicht ausreicht, um das Gewicht zu stabilisieren oder eine Gewichtszunahme zu erreichen.
Kann Magersucht mit Medikamenten behandelt werden?
Die Behandlung der Anorexia nervosa beruht in erster Linie auf psychotherapeutischen Verfahren, begleitet von einer medizinischen und ernährungsbezogenen Betreuung. Nach den aktuellen Leitlinien gibt es kein Medikament, das direkt gegen die Essstörung selbst wirkt oder die Ursachen beseitigen kann. In manchen Fällen können Medikamente sinnvoll sein, um begleitende Symptome oder Folgeerkrankungen zu behandeln.14
- Bei depressiven Verstimmungen, starken Ängsten oder Zwangsgedanken können Antidepressiva, vor allem sogenannte SSRI, eingesetzt werden. Bei ausgeprägtem Untergewicht wirken Antidepressiva allerdings nicht mehr.15
- Appetitsteigernde Medikamente oder Hormonersatztherapien werden in den Leitlinien für Patientinnen und Patienten nicht empfohlen, da sie keine nachhaltige Wirkung zeigen.
- Wenn durch die Mangelernährung körperliche Probleme wie Vitamin- oder Mineralstoffmangel auftreten, werden diese gezielt behandelt. Das dient der körperlichen Stabilisierung, nicht der Behandlung der Essstörung selbst.
Wie verhindern Magersüchtige, dass sie zunehmen?
Betroffene kontrollieren die tägliche Aufnahme an Kalorien und gestatten sich nur das absolute Minimum an Essen. Zusätzlich erfolgt die Kontrolle des Gewichts bei vielen Betroffenen über weitere Maßnahmen wie zum Beispiel Herbeiführen von Erbrechen, Abführen oder exzessiven Sport.
Was ist restriktive Anorexie?
Restriktive Anorexie ist ein Subtypus der Magersucht, bei dem ein niedriger BMI bzw. ein niedriges Körpergewicht vor allem durch Nahrungsverzicht bzw. -reduktion und Sport erreicht wird. Für Betroffene dieses Typs steht oft der Kontrollaspekt im Fokus. Vor allem im Kindes- und Jugendalter herrscht die restriktive Anorexie vor.
Wie sehen sich Magersüchtige selbst?
Magersucht ist von einem verzerrten Körperbild geprägt: Während Betroffene für die Menschen in ihrem Umfeld ganz klar Untergewicht haben, empfinden sie sich selbst als normalgewichtig oder sogar zu dick.
Wann ist eine Zwangseinweisung erforderlich?
Eine Zwangseinweisung, also eine Aufnahme in eine Klinik gegen den eigenen Willen, wird nur in absoluten Notfällen in Betracht gezogen. Sie ist dann erforderlich, wenn:
- akute Lebensgefahr besteht, z. B. durch extremes Untergewicht, Herzrhythmusstörungen oder Elektrolytstörungen,
- die Nahrungsaufnahme vollständig verweigert wird und eine künstliche Ernährung medizinisch notwendig ist,
- eine schwere psychische Krise oder Suizidgefahr vorliegt,
- die Person krankheitsbedingt nicht einsichtsfähig ist und die Behandlung ablehnt, obwohl sie lebensrettend wäre.