Frau verzweifelt

ADHS Erwachsene

10 min

Aktualisiert am 2. Juli 2026

  • ADHS ist auch im Erwachsenenalter keine Seltenheit.
  • Typische Symptome sind Probleme mit der Selbstorganisation, Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme bei der Entscheidungsfindung und Impulsivität.
  • Bei Nichtbehandlung drohen eingeschränkte Lebensqualität und weitere psychische Erkrankungen.
  • Die Diagnose erfolgt anhand von klinischen Interviews, speziellen Fragebögen für Erwachsene zur Selbsteinschätzung sowie ggf. neuropsychologischen Tests.
  • Behandelt wird multimodal mit Medikamenten und Psychotherapie.
  • Hilfe bieten Fachärzte für Neurologie, Therapeuten und Selbsthilfegruppen.

ADHS – bei Erwachsenen oft unterschätzt

ADHS wird als Syndrom in den meisten Fällen im Kindes- und Jugendalter diagnostiziert, da die Symptome in diesem Alter oft besonders auffällig sind. Früher ging man davon aus, dass ADHS mit fortschreitendem Alter verschwindet. Tatsächlich leiden jedoch auch viele Erwachsene unter den Symptomen. Deshalb ist eine fachgerechte Diagnostik und Therapie wichtig.

Was ist ADHS?

ADHS ist die Abkürzung für die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Mit ADS bezeichnet man die Variante ohne Hyperaktivität. Es handelt sich um eine neurologische Störung, die genetisch mitbedingt ist und früh erworben wird. Zentrale Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zeigen sich schon im Kindesalter – wobei die Ausprägung variieren kann. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Symptomatik, weshalb ADHS bei Erwachsenen oft lange Zeit nicht erkannt wird.

Wie häufig tritt ADHS im Erwachsenenalter auf?

Die aktuelle Studienlage hat für ADHS im Erwachsenenalter eine relativ hohe Prävalenzrate von gut 3 Prozent ermittelt1. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 70 Prozent aller Erwachsenen, bei denen die Störung im Kindes- und Jugendalter aufgetreten ist, auch im Erwachsenenalter noch unter Symptomen leiden. Da die Diagnosestellung im Erwachsenenalter ohne vorherige Diagnose im Kindesalter erst seit kurzem umfassende Beachtung findet, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Welche Symptome treten bei Erwachsenen mit ADHS auf?

Die Erwachsenen-ADHS-Symptomatik unterscheidet sich in Teilen von den bei Kindern und Jugendlichen beobachtbaren Symptomen. Die bei Kindern erlebte, häufig ausagierte motorische Unruhe rückt bei Erwachsenen stärker in den Hintergrund und zeigt sich eher in innerer Unruhe oder einem Gefühl des Getriebenseins. Die Kriterien der Wender-Utah-Scale tragen diesem Umstand Rechnung2:

Aufmerksamkeitsstörung
  • Große Schwierigkeiten, Gesprächen aufmerksam zu folgen
  • Leichte Ablenkbarkeit
  • Vergesslichkeit
Motorische Hyperaktivität
  • Innere Unruhe
  • Schwierigkeiten, sich zu entspannen
  • Problem, längere Zeit still zu sitzen
  • Unzufriedenheit bei Inaktivität
Affektlabilität
  • Wechsel zwischen neutraler und gedrückter Stimmung
  • Stimmungsschwankungen können wenige Stunden oder einige Tagen anhalten
Desorganisiertes Verhalten
  • Mangelhafte Planung und Organisation von Aktivitäten
  • Schwierigkeiten Aufgaben zu Ende zu bringen
Mangelhafte Affektkontrolle
  • Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
  • Verminderte Frustrationstoleranz und kurze Wutausbrüche
Impulsivität
  • Unterbrechen von Gesprächen
  • Ungeduld in unterschiedlichen Situationen
  • Impulskäufe
  • Probleme, Handlungen langfristig zu planen
Emotionale Überreagibilität
  • Schwierigkeiten, mit alltäglichen Stressoren umzugehen
  • Reizüberflutung und gelegentliche Black-Outs

Welche Ursachen hat ADHS bei Erwachsenen?

Die Ursachen für ADHS bei Erwachsenen unterscheiden sich nicht von den Ursachen, welche die Störung bei Kindern und Jugendlichen auslösen. Bis heute ist die Entstehung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung nicht vollständig geklärt. Derzeit geht man von einem multifaktoriellen Geschehen aus, bei dem genetische, psychosoziale und umweltbedingte Faktoren eine Rolle spielen.

Genetische Faktoren

Familien- und Zwillingsstudien zeigen, dass es eine genetische Prädisposition für die Ausbildung einer ADHS gibt. Trotzdem sollte sie nach aktuellem Forschungsstand nicht überschätzt werden, da die relevanten Genvarianten insgesamt recht häufig in der Bevölkerung vorkommen.3

Hirnstruktur und -stoffwechsel

Menschen mit ADHS zeigen neurochemische und neurobiologische Besonderheiten, wobei insbesondere das Gleichgewicht der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin im Gehirn gestört ist, mit negativen Auswirkungen auf die Signalübertragung und das Zusammenspiel von Aufmerksamkeits- und Motivationssystemen. Überdies ist der Dopaminabbau bei ADHS beschleunigt. Ursachen hierfür liegen u. a. in einer geringeren Durchblutung der vorderen Hirnabschnitte, einer geringeren Aktivität der rechten, vorderen Hirnregion und einer genetischen Veränderung im Dopamin-Transporter-Gen.4

Umweltfaktoren

Es gibt viele Umweltfaktoren, die eine ADHS bei Kindern und Jugendlichen und damit auch eine spätere ADHS im Erwachsenenalter begünstigen können. Allerdings gibt es auch hier keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge! Folgende Faktoren können zur Ausbildung einer ADHS beitragen: Noxen wie Nikotin, Alkohol oder Drogen während der Schwangerschaft, Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, Schädelhirntraumen oder -verletzungen, familiäre Belastungen wie psychische Erkrankungen eines Elternteils, instabiles emotionales Umfeld, prekäre soziale Verhältnisse, dysfunktionale Erziehungsmethoden, z. B. häufige Kritik und Bestrafungen.5

Wie kann man ADHS testen bei Erwachsenen?

Die Diagnose der psychischen Störung wird in der Regel schon bei Kindern und Jugendlichen gestellt. In der Regel fällt die Symptomatik in diesem Alter das erste Mal auf und die typischen Anzeichen lassen sich leicht erkennen. Für eine korrekte ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen muss eine retrospektive Anamnese erfolgen. Hierfür werden verschiedene Verfahren und Tests genutzt6:

Gespräch und Anamnese

Im Gespräch werden aktuelle Symptome erfasst sowie Beschwerden und Probleme, die bereits seit der Kindheit bestehen. Hilfreich sind eine Familienanamnese und Zeugnisse oder Dokumente, die Auskunft über Verhalten oder Probleme geben. Gefragt wird auch nach der Teilhabe am Arbeitsplatz und im sozialen Leben sowie nach vorausgegangenen Behandlungen der Symptomatik. Das Gespräch dient dazu, das mögliche Vorliegen psychischer Erkrankungen differentialdiagnostisch abzuklären.

Körperliche Diagnostik

Einige Krankheiten können ADHS-ähnliche Symptome hervorrufen, daher sollten somatische, d. h. organische Ursachen ausgeschlossen werden. Bei Verdacht auf körperliche Ursachen können Blutuntersuchungen ein cMRT oder ein EEG sinnvoll sein.

Gespräch mit engen Bezugspersonen

Wenn die Aussagen Betroffener nicht ausreichen, um die Symptomatik und Probleme einzuschätzen, können enge Bezugspersonen, z. B. Familienmitglieder oder Partner, bei Kindern auch Erzieher oder Lehrkräfte befragt werden.

Untersuchungsinstrumente

Für die eigentliche Diagnostik stehen standardisierte klinische Fragebögen und Checklisten zur Verfügung. Häufig werden folgende verwendet:

  • Wender-Utah-Rating-Scale (WURS-K)
  • Conners-Skalen für Erwachsene (CAARS)
  • ADHS-Selbstbeurteilungsbogen (ADHS-SB)
  • Wender-Reimherr-Interview (WRI)

Wie wird ADHS bei Erwachsenen behandelt?

Grundsätzlich kann die psychische Erkrankung auch bei Erwachsenen gut behandelt werden, sodass Betroffene deutlich an Lebensqualität gewinnen können. Damit das gelingt, gilt die Devise: Je früher die richtige Therapie einsetzt, umso besser. Dadurch sinkt das Risiko für Folge- und Begleiterkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen, bipolare Störungen uvm.

ADHS-Medikamente

Medikamente sind nicht nur bei betroffenen Kindern und Jugendlichen der oftmals wichtigste Bestandteil einer multimodalen Therapie, sondern auch bei Erwachsenen. Eine groß angelegte Untersuchung aus Schweden zeigt, dass eine medikamentöse Therapie das Risiko für eine stationäre psychiatrische Behandlung sowie das Suizidrisiko senken kann7.

Psychotherapie

Psychotherapie ist ein wesentlicher Baustein der Behandlung von ADHS bei Erwachsenen und als Begleitung zur medikamentösen Therapie sinnvoll. Bewährt haben sich vor allem individuelles klinisches Management und Coachings sowie gruppenbasierte kognitive Verhaltenstherapie. Die psychotherapeutische Behandlung bekommt außerdem einen umso größeren Stellenwert, je geringer die positiven Auswirkungen der Behandlung von ADHS mit Medikamenten bei Erwachsenen sind.8

Ergänzende Behandlungsmethoden

Neurofeedback ist eine Methode zur Verbesserung von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstregulation, die auch bei Erwachsenen-ADHS eingesetzt wird. Patienten lernen, bestimmte Hirnregionen zu aktivieren, um Reize besser verarbeiten und anstehende Aufgaben fokussierter bewältigen zu können.

Was passiert, wenn ADHS im Alltag nicht behandelt wird?

Unbehandelt kann die psychische Erkrankung bei Betroffenen im Erwachsenenalter zu einer gravierenden Einschränkung der Lebensqualität führen. Nicht selten haben Patienten mit der Diagnose ADHS ausgeprägte Probleme im Beruf, in der Alltagsführung sowie in zwischenmenschlichen und partnerschaftlichen Beziehungen. Darüber hinaus besteht ein hohes Risiko für Komorbiditäten wie Abhängigkeitserkrankungen oder Depressionen.

Was kann man selbst tun?

Was bzw. ob man als Betroffener etwas tun möchte bzw. muss, hängt stark vom individuellen Leidensdruck ab. Entspannungsübungen und -trainings können eine gute Möglichkeit sein, um innere Unruhe und Anspannung zu lösen. Mit Listen und Zeitplänen lässt sich der Alltag besser organisieren. Auf Alkohol und ähnliche „Hilfsmittel“ sollte grundsätzlich verzichtet werden.

Hilfe bei ADHS finden

Bei Verdacht auf ADHS ist eine Diagnostik unerlässlich. Diese kann durch fachlich ausgebildete, idealerweise auf ADHS spezialisierte Personen erfolgen:

Erste Anlaufstelle

Hausärztin / Hausarzt

  • Erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen
  • Ausschluss körperlicher Ursachen
  • Ausstellung von Vermittlungscodes für Facharztüberweisung

Therapeuten

Psychotherapeut:in

Über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Bundesvereinigung können gesetzlich versicherte Patient:innen einen Termin für ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten vereinbaren. Der Therapeut kann eine erste Einschätzung vornehmen, ob eine zeitnahe Akutbehandlung erforderlich ist oder eine ambulante Psychotherapie.

Ärzte

Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie

Zeitnahe Termine für Diagnostik und Behandlung können gesetzlich Versicherte mittels Vermittlungscode vom Hausarzt über die Terminservicestelle buchen.

Ambulanzen, Akut, Reha

Kliniken

Wenn eine ambulante Therapie nicht ausreicht, um die Depression zu behandeln, kann ein Klinikaufenthalt sinnvoll sein. Behandlungsmöglichkeiten, je nach Klinik:

  • ADHS-Spezialambulanzen
  • Teilstationär oder vollstationär
  • Akutkliniken oder Rehakliniken
  • Spezialisierte Kliniken für ADHS und Sucht

Alltag

Selbsthilfe

  • Lokale Suche über Selbsthilfebüros oder über NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen)
  • Suche lokaler Selbsthilfegruppen auf der Website von ADHS Deutschland e. V.

Beratung

Chat, E-Mail, Telefon

Was kann man selbst tun?

Es ist für Betroffene und insbesondere für Kinder und Jugendliche mit ADHS wichtig, dass das ADHS-Syndrom nicht ausschließlich negativ gesehen wird. Eine starke Impulsivität beispielsweise kann auch zu Spontaneität oder Kreativität werden. Grundsätzlich sollten die Stärken des Betroffenen im Rahmen einer zielgerichteten Therapie ermittelt und gefördert werden.

Häufige Fragen zum Thema „ADHS Erwachsene“

Wie verhält sich ein Erwachsener mit ADHS?

Im Erwachsenenalter ist die ADHS-Symptomatik meist deutlich diffuser als bei Kindern und Jugendlichen. Betroffene wirken oft chaotisch und unorganisiert. Sie leiden unter Konzentrationsproblemen, Stimmungsschwankungen und impulsiven Affekten. Häufige Job- und Wohnortwechsel sowie Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen können ebenfalls typisch für das Krankheitsbild sein.

Wie wirkt sich ADHS bei Erwachsenen auf Beziehungen aus?

Eine chaotische Lebensführung, Stimmungsschwankungen und Unzuverlässigkeit können eine Partnerschaft belasten. Hinzu kommt, dass viele Betroffene mit der Zeit Selbstzweifel sowie Begleiterkrankungen ausbilden, was Beziehungen stark strapazieren kann. Sich Hilfe zu holen, ist die effektivste Lösung, um derartigen Problemen zu begegnen. Gut zu wissen: Angehörige können in eine ambulante Behandlung oder eine stationäre Behandlung in einer Klinik für Psychiatrie eingebunden werden. So kann man herausfinden, welche Probleme aus dem Krankheitsbild resultieren und wie man in der Partnerschaft damit umgehen kann.

Wie wirkt sich Alkohol auf ADHS aus?

Alkohol wird von vielen Erwachsenen mit ADHS als Problemlöser missbraucht: Der beruhigende Effekt des Rauschmittels wird nicht selten zur „Selbstmedikation“ eingesetzt. Davon ist jedoch abzuraten: Zum einen können die psychischen Nebenwirkungen nach dem Konsum die Belastung noch vergrößern. Zum anderen besteht das Risiko für eine Abhängigkeitserkrankung (Alkoholismus).