
Binge Eating
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- Die Binge‑Eating‑Störung ist eine Essstörung, die durch wiederkehrende Essanfälle (Essattacken) mit einem Gefühl des Kontrollverlusts über das Essen gekennzeichnet ist.
- Während eines Essanfalls wird in einem begrenzten Zeitraum deutlich mehr gegessen, als unter vergleichbaren Umständen üblich wäre.
- Die Störung geht mit einem hohen seelischen Leidensdruck einher und ist häufig mit körperlichen Erkrankungen (z. Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes) und psychischen Begleiterkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen) verknüpft.
- Mit einer frühzeitig einsetzenden, leitliniengerechten Psychotherapie bestehen gute Chancen, Essanfälle deutlich zu reduzieren. Ein Teil der Betroffenen wird langfristig symptomfrei.
- Die Behandlung kann in vielen Fällen ambulant erfolgen. Teilstationäre oder stationäre Behandlungen werden insbesondere bei schweren Begleiterkrankungen oder unzureichendem Ansprechen auf ambulante Maßnahmen empfohlen.
Essen ohne Kontrolle – Binge Eating
Wer von Binge Eating betroffen ist, leidet unter wiederkehrenden Essanfällen, die umgangssprachlich auch als „Fressattacken“ bezeichnet werden, und dem Gefühl, diese vermeintlich nicht stoppen zu können, obwohl man es sich fest vornimmt. Wenn es dann noch zu einer deutlichen Gewichtszunahme kommt, können sich die ohnehin vorhandenen Scham‑ und Schuldgefühle verstärken. Viele verheimlichen ihr Essverhalten deshalb, was dazu beitragen kann, dass sich das dysfunktionale Essverhalten verfestigt. Dabei gibt es wirksame Hilfsangebote, die Betroffene dabei unterstützen können, den Kreislauf schrittweise zu durchbrechen.
Was ist Binge Eating?
Als Binge‑Eating‑Störung (BES) wird in der Medizin eine Essstörung bezeichnet, die durch wiederkehrendes, anfallsartiges Verzehren großer Nahrungsmengen innerhalb eines begrenzten Zeitraums gekennzeichnet ist. Während dieser Episoden erleben Betroffene einen Verlust der Kontrolle über ihr Essverhalten.
Im Unterschied zur Bulimie (Bulimia nervosa) treten nach den Essattacken bei der BES keine regelmäßigen kompensatorischen Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, exzessiver Sport oder Missbrauch von Abführmitteln auf. Viele haben Übergewicht oder Adipositas sowie ein erhöhtes Risiko für körperliche Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes und ein höheres Risiko für die Entwicklung psychischer Begleiterkrankungen. Menschen, die unter einer Binge‑Eating-Störung leiden, können allerdings auch Normalgewicht haben.

Wie verbreitet ist eine Binge-Eating-Essstörung?
Die BES gilt als die häufigste spezifische Essstörung in der Allgemeinbevölkerung.1 Erste Symptome treten meist im späten Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter auf, allerdings kann sich die Störung auch später entwickeln. Frauen sind insgesamt stärker betroffen als Männer: Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass 2,8 % der Frauen und 1,0 % der Männer im Laufe ihres Lebens an einer Binge-Eating-Störung erkranken.2
Wer ist besonders gefährdet, eine Binge-Eating-Störung (BES) zu entwickeln?
BES ist eine Erkrankung, die grundsätzlich alle Geschlechter und Altersgruppen betreffen kann. Allerdings gibt es eine Reihe von Prädispositionen und Risikofaktoren, die im komplexen Zusammenspiel die Entstehung von Binge-Eating fördern können. Ein Faktor alleine löst jedoch noch keine „Fresssucht“ aus.
Genetische Prädisposition
Man weiß heute, dass bei der Binge‑Eating‑Störung auch Veranlagung eine Rolle spielt. In manchen Familien kommt die Störung gehäuft vor, was auf eine erbliche Komponente hinweist. Untersuchungen des Erbguts zeigen, dass bestimmte genetische Muster mit der BES und mit Körpermerkmalen zusammenhängen, die für die Regulierung des Körpergewichts und für Übergewicht eine Rolle spielen. Andere Befunde deuten darauf hin, dass bestimmte Anlagen mit Depressionen, einer erhöhten Neigung zum Grübeln (Neurotizismus) und mit Impulsivität verknüpft sind, unabhängig vom Körpergewicht.3
Negatives Körperbild
Sorgen um die eigene Figur und das Gewicht, ein negatives Körperbild und ein geringes Selbstwertgefühl, oft begleitet von Kritik oder Abwertung durch andere, oder medial vermittelte Bilder sowie strenge oder wiederholte Diätversuche können die Entwicklung einer Essstörung begünstigen.
Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
Viele Betroffene berichten insgesamt mehr negative Gefühle wie Traurigkeit, Stress, Scham oder innere Anspannung und haben Schwierigkeiten, diese Emotionen so zu regulieren, dass sie sich langfristig besser fühlen. Meist gehen unangenehme Gefühle einer „Fressattacke“ direkt voraus. Essen wird zur kurzfristigen Bewältigungsstrategie, die für den Moment beruhigt oder betäubt, in der Folge aber auch Schuld‑ und Schamgefühle auslösen kann, die Belastungen verstärken. BES ist damit zwar eine kurzfristig wirksame, auf Dauer aber schädliche Methode zur Emotionsregulation.4
Seelische Belastungen
Viele Menschen mit einer Binge‑Eating‑Störung leiden nicht nur unter anfallsartigem Essen großer Mengen, sondern zusätzlich unter weiteren psychischen Erkrankungen. Studien zeigen, dass über 70 % mindestens eine weitere Diagnose haben, besonders häufig kommen depressive Störungen und Angststörungen vor. Seltener, aber dennoch bedeutsam, sind Substanzgebrauchsstörungen, z. B. Alkoholmissbrauch oder Alkoholsucht, Posttraumatische Belastungsstörungen, körperdysmorphe Störungen (verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers) und Persönlichkeitsstörungen.5
Soziale Einflüsse und Umweltfaktoren
Neben biologischen und psychischen Faktoren spielen auch Umweltbedingungen eine Rolle: Kritische Lebensereignisse, Vernachlässigung, Stress, Missbrauchs‑ und Gewalterfahrungen, restriktives elterliches Essverhalten, aber auch ein Überangebot an hochkalorischen Lebensmitteln und ein stark betontes Schlankheitsideal durch das soziale Umfeld oder die Medien erhöhen das Risiko für die Entwicklung einer BES.6
Geschlechtsspezifische Risikofaktoren
Bei Frauen spielen oft ein hoher Druck, schlank zu sein, wiederholte Diätversuche, ein sehr negatives Körperbild und belastende Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend (z. B. Konflikte, Abwertung, Gewalt oder Missbrauch) eine Rolle. Bei Männern stehen eher Ideale von Muskulosität und Fitness im Vordergrund. Gleichzeitig zeigen viele Männer größere Schwierigkeiten, Essstörungssymptome als solche zu erkennen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, z. B. aus Scham und Sorge, dem eigenen Männlichkeitsbild nicht zu entsprechen.
Wie erkennt man Binge Eating?
Bestimmte Anzeichen, können auf die Entwicklung einer Essstörung hinweisen. Wichtig ist es, solche Signale wahrzunehmen und ernst zu nehmen und sich frühzeitig Unterstützung zu holen, damit sich das anfallsartige, übermäßige Essen nicht verfestigt.
Mögliche frühe Warnsignale
- Starke Beschäftigung mit Körper, Figur und Gewicht, bis hin zu deutlicher Unzufriedenheit oder Ekel gegenüber dem eigenen Körper.
- „Emotionales Essen“, also essen, um Stress, Traurigkeit, Einsamkeit, Langeweile etc. zu dämpfen.
- Das Gefühl, Essen zu benötigen, um sich zu beruhigen oder zu trösten.
- Eine Tendenz, Mahlzeiten oder Snacks zunehmend allein, ohne nachvollziehbaren Grund, zu verzehren.
Typische Merkmale von Binge Eating
Bestehen mehrere der folgenden Merkmale über einen längeren Zeitraum, sollte eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung erfolgen.
- Wiederkehrende Essattacken: In einem begrenzten Zeitraum wird viel mehr gegessen, als andere Menschen in einer ähnlichen Situation essen würden.
- Deutliches Gefühl des Kontrollverlusts: „Ich kann nicht aufhören.“ „Ich kann die Menge nicht steuern.“
- Sehr schnelles Essen, auch ohne körperlichen Hunger, oder Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Übelkeit.
- Häufiges Alleinessen aus Scham über die verzehrte Menge oder darüber, wie gegessen wird.
- Ausgeprägte Schuld‑, Scham‑ oder Ekelgefühle nach Essattacken, die als stark belastend erlebt werden.
Wie wird Bulimie diagnostiziert?
Die Diagnostik von Bulimie erfolgt im Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten mithilfe standardisierter Interviews und Fragebögen. Dabei geht es vor allem um das Essverhalten, um Essattacken, um das Gefühl, dabei die Kontrolle zu verlieren, und um Maßnahmen, mit denen Betroffene versuchen, eine Gewichtszunahme zu verhindern – etwa Erbrechen, Fasten, Missbrauch von Abführmitteln oder sehr intensiver Sport. Zusätzlich werden Blutwerte, Herzfunktion und der allgemeine Gesundheitszustand überprüft.
Kriterien nach dem aktuellen Diagnosehandbuch (ICD-10)
Nach ICD-10 wird Bulimie diagnostiziert, wenn
- häufige Essanfälle auftreten, bei denen große Nahrungsmengen in kurzer Zeit gegessen werden,
- diese Essanfälle mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten vorkommen,
- ein deutliches Gefühl von Kontrollverlust beim Essen besteht,
- regelmäßig Gegenmaßnahmen eingesetzt werden, um eine Gewichtszunahme zu verhindern (z. B. Erbrechen, Abführmittel, Fasten, exzessiver Sport) und die
- Gedanken stark um Essen, Figur und Gewicht kreisen.
Kriterien nach dem neuesten Diagnosemanual ICD-11
Im neueren ICD-11 wurden die Kriterien an die aktuelle Forschung angepasst:9
- Essanfälle und kompensatorisches Verhalten müssen im Schnitt mindestens einmal pro Woche über den Zeitraum eines Monats auftreten, die Schwelle ist also niedriger als im ICD-10.
- Kontrollverlust beim Essanfall: Essen größerer Mengen als gewöhnlich, Unfähigkeit, mit dem Essen aufzuhören
- Anwendung unangemessener kompensatorischer Maßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.
- Figur und Körpergewicht haben einen übermäßig großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl.
- Ausgeprägter Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung in persönlichen, sozialen, schulischen / beruflichen Bereichen.
Wie entsteht eine Binge-Eating-Störung?
Bisher liegt kein einheitliches, abschließend bestätigtes Modell für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Erkrankung vor.7 Stattdessen werden verschiedene, sich ergänzende Erklärungsmodelle genutzt, etwa Emotionsregulations-, Impulsivitäts- und Belohnungsmodelle. Gemeinsamer Nenner ist: biologische Veranlagung, psychische Merkmale und Umweltbedingungen greifen ineinander und bestimmen gemeinsam, ob sich eine BES entwickelt und fortbesteht.
Veranlagung und frühe Voraussetzungen
Manche Menschen haben ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Binge‑Eating-Störung aufgrund einer erblichen Prädisposition. Wenn beispielsweise frühes Übergewicht, negative Bewertungen des eigenen Körpers, begleitet von kritischen oder abwertenden Kommentaren zu Figur und Gewicht durch andere und wiederholte Diäten in Kindheit oder Jugend hinzukommen, erhöht sich das Risiko. Bedeutend sind auch die Erfahrungen, wie jemand Essen, Körper und sich selbst wahrnimmt. Sie beeinflussen, ob Essen als „schnelle Lösung“ für innere Spannungen eingesetzt wird.
Der Schritt vom Risiko zur Störung
Binge‑Eating entwickelt sich meist in einer Phase, in der mehrere Belastungen zusammenkommen. Typisch sind eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, verstärkte Versuche, das Essen streng zu kontrollieren (z. B. Diäten, „Verbotslisten“) und gleichzeitig mehr Stress, Konflikte oder Kränkungen im Alltag. In solchen Situationen kann es dazu kommen, dass Essen zunehmend genutzt wird, um unangenehme Gefühle zu dämpfen oder sich zu trösten. Aus einzelnen Episoden von „Überessen“ können sich nach und nach Essattacken entwickeln, die regelmäßig auftreten und als nicht beherrschbar erlebt werden.
Beginn eines Teufelskreises
Betroffene einer Binge‑Eating‑Störung geraten schnell in einen Teufelskreis: Innere Anspannung, belastende Situationen oder andere negative Gefühle stehen oft am Anfang eines Essanfalls, der kurzfristig Erleichterung verschaffen kann. Danach treten jedoch nicht selten Scham, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe auf, häufig verbunden mit Rückzug oder neuen, eher strengen Diätversuchen. Diese Kombination aus emotionaler Belastung, Einschränkung und Unzufriedenheit erhöht wiederum das Risiko für weitere Essattacken.
Untersuchungen legen nahe, dass bei der Binge‑Eating‑Störung Gehirnregionen, die an Belohnungsverarbeitung, Emotionsregulation und Impulskontrolle beteiligt sind, in belastenden oder verführenden Situationen anders zusammenwirken als bei Menschen ohne Essattacken. Dadurch können Essensreize stärker als belohnend erlebt werden, während es gleichzeitig schwerer fallen kann, das Essen in solchen Momenten zu steuern oder rechtzeitig zu stoppen.8
Wie wird Bulimie diagnostiziert?
Die Diagnostik von Bulimie erfolgt im Gespräch mit dem Arzt oder Therapeuten mithilfe standardisierter Interviews und Fragebögen. Dabei geht es vor allem um das Essverhalten, um Essattacken, um das Gefühl, dabei die Kontrolle zu verlieren, und um Maßnahmen, mit denen Betroffene versuchen, eine Gewichtszunahme zu verhindern – etwa Erbrechen, Fasten, Missbrauch von Abführmitteln oder sehr intensiver Sport. Zusätzlich werden Blutwerte, Herzfunktion und der allgemeine Gesundheitszustand überprüft.
Kriterien nach dem aktuellen Diagnosehandbuch (ICD-10)
Nach ICD-10 wird Bulimie diagnostiziert, wenn
- häufige Essanfälle auftreten, bei denen große Nahrungsmengen in kurzer Zeit gegessen werden,
- diese Essanfälle mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten vorkommen,
- ein deutliches Gefühl von Kontrollverlust beim Essen besteht,
- regelmäßig Gegenmaßnahmen eingesetzt werden, um eine Gewichtszunahme zu verhindern (z. B. Erbrechen, Abführmittel, Fasten, exzessiver Sport) und die
- Gedanken stark um Essen, Figur und Gewicht kreisen.
Kriterien nach dem neuesten Diagnosemanual ICD-11
Im neueren ICD-11 wurden die Kriterien an die aktuelle Forschung angepasst:9
- Essanfälle und kompensatorisches Verhalten müssen im Schnitt mindestens einmal pro Woche über den Zeitraum eines Monats auftreten, die Schwelle ist also niedriger als im ICD-10.
- Kontrollverlust beim Essanfall: Essen größerer Mengen als gewöhnlich, Unfähigkeit, mit dem Essen aufzuhören
- Anwendung unangemessener kompensatorischer Maßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern.
- Figur und Körpergewicht haben einen übermäßig großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl.
- Ausgeprägter Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung in persönlichen, sozialen, schulischen / beruflichen Bereichen.
Was sind Binge-Eating-Symptome?
Für die Diagnose einer Binge‑Eating‑Störung gibt es laut ICD-11 einige Kernmerkmale, die zwingend erfüllt sein müssen, und weitere typische Zeichen, die die Diagnose stützen, aber nicht unbedingt alle vorliegen müssen.9
Kernmerkmale
- Wiederkehrende Essanfälle: Innerhalb eines begrenzten Zeitraums, z. B. zwei Stunden, verliert die betroffene Person subjektiv die Kontrolle über ihr Essverhalten und isst deutlich mehr oder anders, als sie es normalerweise tun würde. Die Essattacken treten wiederholt innerhalb eines Zeitraums von mindestens drei Monaten auf.
- Gefühl des Kontrollverlusts: Der subjektiv erlebte Kontrollverlustist das zentrale Merkmal: Die Person erlebt, dass sie ihr Essverhalten nicht oder kaum steuern kann, das Essen nicht unterbrechen kann oder die Menge bzw. Art der Nahrungsmittel nicht wie gewünscht begrenzen kann.
- Kein regelmäßiges kompensatorisches Verhalten: Auf das anfallsartige Essen großer Mengen folgen keine regelmäßigen unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen (z. selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln, exzessiver Sport).
- Deutlicher Leidensdruck oder Beeinträchtigung: Die Essattacken gehen mit einem deutlichen subjektiven Leidensdruckoder einer erheblichen Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen (z. im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen oder beruflichen Bereich) einher.
- Abgrenzung von anderen Störungen: Die Symptomatik wird nicht besser durch eine andere Erkrankung erklärt und ist nicht Folge der direkten Wirkung einer Substanz oder eines Medikaments.
Typische Begleitsymptome (stützen die Diagnose)
Diese Merkmale kommen häufig vor, müssen aber nicht alle vorhanden sein:
- Sehr schnelles Essen während der Anfälle.
- Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Übelkeit.
- Essen ohne körperlichen Hunger, nur aus innerem Drang oder zur Gefühlsregulation.
- Allein essen aus Schamgefühlen wegen der großen verzehrten Mengen oder der Art des Essens.
- Starke Schuld‑, Scham‑ oder Ekelgefühle nach übermäßigem Essen.
- Zunehmende Beschäftigung mit Figur und Gewicht, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.
- Wiederholte Versuche, das Essverhalten durch Diäten oder strenge Regeln zu kontrollieren, die aber immer wieder scheitern.
Wie wird Binge Eating behandelt?
Eine BES kann die Lebensqualität deutlich einschränken und ist häufig mit körperlichen und psychischen Folgeerkrankungen verbunden. Je früher eine gezielte Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen, Essattacken zu verringern, Folgeschäden vorzubeugen und die Lebensqualität zu verbessern. In vielen Fällen kann die Störung langfristig weitgehend zurückgedrängt werden.
Ambulante oder stationäre Behandlung
In den meisten Fällen erfolgt die Behandlung ambulant, etwa in einer psychotherapeutischen Praxis oder Spezialambulanz. Eine teilstationäre Therapie (Tagesklinik) oder ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik wird vor allem dann empfohlen, wenn schwere Begleiterkrankungen vorliegen, das Gewicht stark erhöht ist oder ambulante Behandlungen nicht ausreichen.
Psychotherapie
Psychotherapie im Einzel- und/oder Gruppensetting ist der zentrale Bestandteil der Behandlung. Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie gilt als Methode der ersten Wahl. Ziele der Therapie sind unter anderem:
- Normalisierung des Essverhalten und schrittweise Reduktion des anfallsartigen Essens.
- Identifizierung von Ursachen und aufrechterhaltenden Faktoren des übermäßigen Essens.
- Verbesserung des Umgangs mit belastenden Gefühlen, ohne die „Bewältigungsstrategie“ Essen.
- Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz.
- Entwicklung gesunder Bewältigungsstrategien für Situationen, die Essattacken auslösen können.
- Bei deutlich erhöhtem Gewicht kann im Anschluss oder begleitend eine gezielte Gewichtsreduktion geplant werden.
Weitere ergänzende Therapiebausteine
Zusätzlich zur Psychotherapie können weitere Angebote Betroffene dabei unterstützen, Veränderungen im Alltag umzusetzen und zu festigen. Welche der folgenden Maßnahmen sinnvoll sind, wird individuell entschieden.
- Ernährungsberatung zur Strukturierung von Mahlzeiten und zum Abbau von Essensängsten
- Bewegungs- und Körpertherapie
- Entspannungsverfahren
- kreative Verfahren wie Kunst‑ oder Musiktherapie
- praktische Trainings wie Einkaufstraining oder Kochgruppen
Welche Folgen kann Binge Eating haben?
Binge Eating kann verschiedene körperliche und psychische Folgen haben, die den Alltag deutlich beeinträchtigen können. Zwar ist Übergewicht eine häufige Folge, aber nicht alle Betroffenen sind übergewichtig oder adipös.
Zu den möglichen körperlichen Folgen gehören neben Übergewicht bzw. Adipositas ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie andere Komponenten des metabolischen Syndroms. Oft treten zudem Belastungen des Bewegungsapparats wie Gelenk‑ und Rückenschmerzen auf. Viele Betroffene berichten auch über Magen‑Darm‑Beschwerden, etwa Völlegefühl, Sodbrennen oder Bauchschmerzen.
Menschen mit einer Binge‑Eating‑Störung leiden meist unter weiteren psychischen Erkrankungen. Besonders häufig sind depressive Störungen, Angststörungen und andere Probleme der Emotionsregulation, die mit der Essstörung in einem wechselseitigen Zusammenhang stehen können. Hinzu kommen oft ausgeprägte Scham‑ und Schuldgefühle im Zusammenhang mit Essanfällen sowie ein negatives Selbstbild, was dazu beitragen kann, dass sich Betroffene aus sozialen Kontakten zurückziehen und ihre Lebensqualität insgesamt deutlich eingeschränkt ist.

Warum ist eine frühzeitige Behandlung wichtig?
Eine möglichst früh einsetzende Behandlung ist wichtig, um Folgeerkrankungen zu verhindern oder zu begrenzen und die Lebensqualität zu verbessern. Mit einer leitliniengerechten Therapie, insbesondere psychotherapeutischen Verfahren, lassen sich Essanfälle bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren. Ein erheblicher Teil wird über die Zeit weitgehend oder vollständig symptomfrei, andere profitieren durch eine Abschwächung ihrer Beschwerden.
Was können Betroffene selbst tun?
In der Regel ist bei einer Binge‑Eating‑Störung eine professionelle Behandlung notwendig. Bei ersten Anzeichen oder leichten Ausprägungen sowie begleitend zu einer ambulanten oder (teil-)stationären Therapie können Betroffene jedoch selbst einiges tun, um ihren Genesungsverlauf positiv zu beeinflussen.

Häufige Fragen zum Thema Binge Eating
Sind Adipositas und Binge-Eating das Gleiche?
Nein. Die BES ist eine psychische Erkrankung, bei der es zu wiederkehrenden Essanfällen mit Kontrollverlust kommt. Adipositas beschreibt ein stark erhöhtes Körpergewicht. Viele, aber nicht alle Menschen mit einer Binge‑Eating‑Störung haben Übergewicht oder Adipositas. Umgekehrt kann Adipositas auch ohne Essstörung und aus ganz anderen Gründen entstehen.
Was ist ein Essanfall?
Ein Essanfall ist eine Episode, bei der Betroffene innerhalb eines begrenzten Zeitraums deutlich größere Mengen an Nahrung zu sich nehmen als andere Menschen unter ähnlichen Umständen. Dabei haben sie das Gefühl, mit dem Essen nicht aufhören oder die zugeführte Nahrungsmenge nicht steuern zu können. Oft geschieht dies unabhängig davon, ob körperlicher Hunger besteht. Viele spüren während des Essens eine kurzfristige Erleichterung oder erleben ein „Abschalten“, leiden danach aber häufiger unter Schuldgefühlen, Scham oder Ekel.
Was ist der Unterschied zwischen Bulimie und Binge-Eating-Störung?
Merkmale beider Essstörungen sind Essanfälle und Kontrollverlust. Bei der Bulimie (Bulimia nervosa) versuchen Betroffene regelmäßig, eine Gewichtszunahme durch Maßnahmen wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport auszugleichen. Bei der Binge‑Eating‑Störung werden solche Maßnahmen nicht regelmäßig eingesetzt.
Kann man Binge-Eating heilen?
Mit einer geeigneten Behandlung lässt sich die Häufigkeit von Essanfällen bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren. Verläufe ohne professionelle Hilfe sind unterschiedlich: Bei manchen Menschen kann die Symptomatik im Laufe der Zeit nachlassen oder vorübergehend verschwinden. In der Regel geht man aber davon aus, dass eine Binge‑Eating‑Störung chronisch verläuft, wenn sie nicht gezielt behandelt wird.
Deshalb ist es wichtig, nicht nur an den Essanfällen selbst anzusetzen, sondern auch an den zugrundeliegenden und aufrechterhaltenden Faktoren (z. B. Emotionsregulation, Selbstwert, Umgang mit Stress). Rückfälle können trotz Behandlung vorkommen, gelten aber als normaler Bestandteil vieler Krankheitsverläufe und lassen sich meistens gut auffangen, wenn Patienten und Behandelnde frühzeitig gegensteuern.
Gibt es Medikamente, die bei Binge Eating helfen können, und wann werden sie eingesetzt?
In Deutschland ist derzeit kein Medikament spezifisch für BES zugelassen. International ist Lisdexamfetamin, ein Stimulans, das auch zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird, in den USA zugelassen. Es kann Essanfälle kurzfristig reduzieren, hat aber auch ein gewisses Missbrauchs‑ und Nebenwirkungsrisiko.
Leitlinien sehen Psychotherapie als Behandlung erster Wahl für Patienten mit BES. Medikamente wie SSRI (z. B. Fluoxetin), bestimmte Antiepileptika (z. B. Topiramat) oder Lisdexamfetamin kommen allenfalls ergänzend infrage, etwa bei starker komorbider Depression und/oder ADHS oder sehr hoher Anfallsfrequenz.
GLP‑1‑Rezeptoragonisten (z. B. Semaglutid) werden zur Adipositasbehandlung eingesetzt und zeigen in ersten Studien eine Verringerung von Essattacken, sind aber (noch) nicht für BES zugelassen und werden nur im Rahmen einer adipositasmedizinischen Behandlung gegeben.10
Kommen Alkoholsucht und Binge-Eating oft zusammen vor?
Zahlreiche Studien zeigen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Binge Eating und Substanzkonsumstörungen gibt. Dazu zählen u. a., Alkoholmissbrauch, Cannabiskonsum und die missbräuchliche Verwendung von Amphetaminen, Benzodiazepinen etc. Die Substanzen werden vor allem zur Stimmungsregulation oder als Appetitzügler eingesetzt. Es ist also wichtig, die Suchterkrankung wie auch die Essstörung zu behandeln. In der Regel erfolgt dies im stationären Setting.
Welche neuen Therapieansätze gibt es für BES?
Digitale, internetbasierte oder appgestützte CBT‑Programme (z. B. angeleitete Selbsthilfe, Online-Therapieplattformen) wurden in mehreren Studien geprüft. Sie können Essanfälle und Symptome reduzieren. Allerdings sind sie dazu gedacht, Versorgungslücken zu schließen. In der Regel ersetzen sie keine reguläre Psychotherapie.11
Impulsivitätsbezogene Trainingsprogramme (z. B. das Gruppenprogramm ImpulsE) zielen auf eine Verbesserung der Impuls- und Emotionsregulation. Erste kleinere Studien zeigen eine Reduktion von Essanfällen und eine Verbesserung der nahrungsbezogenen Verhaltenssteuerung.12
Neuromodulationsverfahren (z. B. transkranielle Magnetstimulation, transkranielle Gleichstromstimulation) sowie computergestützte kognitive Trainings (z. B. Attention Bias Modification) werden experimentell untersucht. Bislang gibt es nur frühe, kleine Studien, sodass diese Verfahren noch nicht Teil der Regelversorgung sind.13
Ist eine alleinige Gewichtsreduktion ohne Behandlung der Essanfälle sinnvoll oder eher riskant?
Leitlinien empfehlen, zunächst das Essverhalten zu stabilisieren und Essanfälle psychotherapeutisch zu behandeln, weil reine Diäten oder primär gewichtsorientierte Programme ohne Essstörungsbehandlung das übermäßige Essen häufig nicht zuverlässig verringern, sondern durch restriktives Essen sogar begünstigen können.
Bei bariatrischer Chirurgie (z. B. Magenbypass, Sleeve) ist eine unbehandelte Binge‑Eating‑Störung mit schlechteren Ergebnissen, einem höheren Rückfallrisiko in Essanfälle sowie einer geringeren nachhaltigen Gewichtsabnahme bzw. einem erhöhten Risiko für erneute Gewichtszunahme assoziiert. Daher werden eine sorgfältige essstörungsbezogene Diagnostik und gegebenenfalls eine Vor- bzw. Begleittherapie empfohlen.
Eine isolierte Gewichtsreduktion ohne Behandlung der Essanfälle gilt insgesamt eher als riskant: Das Körpergewicht kann kurzfristig sinken, während Essattacken, Scham und psychische Belastung fortbestehen oder sich verstärken. Sinnvoll ist daher ein integriertes Vorgehen aus Psychotherapie und, bei Bedarf, strukturierter Gewichtsreduktion – bei schwerer Adipositas vorzugsweise in spezialisierten Zentren.