Suchterkrankungen

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Aktualisiert am 28. September 2026

  • Mehrere Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer
  • Suchterkrankungen entstehen über einen längeren Zeitraum; multifaktorielle Ursachen sind dafür verantwortlich.
  • Abhängigkeit kann schwerwiegende psychische, soziale sowie körperliche Folgen haben.
  • Es wird zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten unterschieden.
  • Es existieren Behandlungsmethoden, die eine dauerhafte Abstinenz ermöglichen.

Alkohol, Drogen, Mediensucht – Wenn die Sucht die Kontrolle übernimmt

Suchterkrankungen stellen ein bedeutendes gesundheitliches und soziales Problem dar, das Millionen Menschen betrifft. Rauchen und Alkoholkonsum sind weit verbreitet, und die Zahl der Cannabiskonsumenten steigt. Neue illegale Drogen mit verharmlosenden Namen drängen auf den Markt. Der Missbrauch von Medikamenten ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einen besorgniserregenden Aufschwung haben in den letzten Jahren die Verhaltenssüchte, wie Mediensucht, Glücksspielsucht und Kaufsucht, erfahren. Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für diese Gefahren zu schärfen.

Wie viele Menschen sind in Deutschland suchtkrank?

Hierzulande gelten 1,6 Millionen Menschen als alkoholabhängig, 7,9 Millionen trinken Alkohol in riskanten Mengen, 4,4 Millionen sind von Tabak abhängig, bei 2,9 Millionen Menschen ist von einem problematischen Medikamentenkonsum auszugehen.1 1,3 Millionen Menschen konsumieren laut Bundesministerium für Gesundheit Cannabis und illegale Drogen in riskanter Menge.2 Bei den jungen Erwachsenen bis 25 Jahren zeigen 5,5 % ein problematisches Medienverhalten.3 Ein kritisches Glücksspiel-Verhalten zeigen 6,1 % der Erwachsenen.4

Was ist eine Suchterkrankung?

Als Sucht- oder Abhängigkeitserkrankung werden chronische Erkrankungen bezeichnet, bei denen Betroffene die Kontrolle über die Einnahme psychoaktiver Substanzen oder das Ausüben eines bestimmten Verhaltens verlieren. Typische Beispiele hierfür sind der zwanghafte Konsum von Alkohol bei einer Alkoholabhängigkeit oder die Teilnahme an Sportwetten bei einer Glücksspielsucht. Suchterkrankungen sind schwerwiegende Störungen, die zu körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führen können.

Wer ist von Suchterkrankungen betroffen?

Bei einigen Suchtmitteln gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. So zeigen Statistiken, dass Frauen tendenziell häufiger einen problematischen Medikamentenkonsum pflegen, während Männer häufiger von riskantem Drogenkonsum betroffen sind.5 Da die Entstehung einer Suchterkrankung ein multifaktorielles Geschehen ist und niemals auf eine einzelne Ursache zurückzuführen ist, kann eine Suchterkrankung theoretisch jeden treffen.

Welche Kennzeichen/Symptome treten bei einer Suchterkrankung auf?

Sucht als Krankheit lässt sich anhand verschiedener Symptome beschreiben. Nicht alle diese Merkmale müssen bei jeder betroffenen Person vorkommen. Treten über die Zeitspanne von 12 Monaten mindestens drei der hervorgehobenen Kriterien gemeinsam auf, ist von einer Abhängigkeit auszugehen.6

Verhaltensänderungen
  • Denken und Handeln fokussiert sich auf den Konsum des Rauschmittels bzw. auf das Ausüben des suchterzeugenden Verhaltens. Soziale und berufliche Verpflichtungen sowie persönliche Interessen werden vernachlässigt.
  • Verlust der Kontrolle über den eigenen Konsum bzw. das eigene Verhalten.
  • Fortgesetzter Konsum, auch wenn bereits Schäden eingetreten sind.
Psychische Veränderungen
  • Anhaltendes oder starkes Verlangen nach dem Konsum des Rauschmittels bzw. dem Ausüben des Suchtverhaltens. Wird dem Verlangen nicht nachgegeben, kommt es zu starken psychischen Belastungen.
Körperliche Veränderungen
  • Körperliche (und psychische) Entzugserscheinungen bei Beendigung oder Verzögerung des Konsums. Das können Symptome wie Zittern, Schmerzen oder Übelkeit sein. Bei Verhaltenssüchten manifestieren sich die Entzugssymptome eher auf psychischer Ebene.
  • Körperliche Toleranzentwicklung bei stoffgebundenen Süchten, die eine Steigerung der Konsummenge erfordert.

Welche Arten von Suchterkrankungen gibt es?

Bei Suchtkrankheiten wird zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Arten unterschieden. Auch wenn die Mechanismen und Symptome einander ähneln, existieren teilweise Unterschiede, die sich unter anderem bei den körperlichen Folgen und in der Behandlung bemerkbar machen.

Stoffgebundene Süchte

Von stoffgebundenen Süchten spricht man immer dann, wenn die Betroffenen vom Konsum eines bestimmten Suchtmittels abhängig sind. Am bekanntesten sind in diesem Zusammenhang die Alkoholabhängigkeit, Medikamentenabhängigkeit und Drogenabhängigkeit. Bei Medikamenten- und Drogensucht sind weitere Unterteilungen möglich: Cannabis-Sucht, Opiatabhängigkeit, Heroinsucht, Kokainsucht, Amphetaminabhängigkeit, Benzodiazepinabhängigkeit etc.

Stoffungebundene Süchte

Bei stoffungebundenen Süchten steht nicht der Konsum eines Suchtmittels, sondern die Ausübung eines bestimmten Verhaltens im Fokus. Man unterscheidet unter anderem Glücksspielsucht sowie Internet- und Medienabhängigkeit (Online-Sucht). Darüber hinaus können Menschen mit zwanghaftem Kaufverhalten (Kaufsucht), zwanghaftem Sexualverhalten (Sexsucht) oder zwanghaftem Arbeitsverhalten (Arbeitssucht) typische Symptome einer Sucht aufweisen. Bislang sind jedoch lediglich pathologisches Glücksspiel und pathologischer Computer- und Internetgebrauch als Verhaltenssüchte anerkannt.

Wie entsteht eine Suchterkrankung?

Eine Suchterkrankung entsteht nicht über Nacht und ist normalerweise auch nicht auf das alleinige Einwirken eines einzelnen Faktors zurückzuführen. Um die Entstehung einer Abhängigkeit zu erklären, wird das biopsychosoziale Modell genutzt. Es zeigt auf, dass die Entwicklung der Störung ihren Ursprung auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene hat.

Biologische Ebene

Auf der biologischen Ebene spielt vor allem die Wirkung des Suchtmittels eine Rolle. Psychoaktive Substanzen üben einen Einfluss auf die Ausschüttung und Weiterleitung bestimmter Botenstoffe wie Dopamin aus. Dadurch wird das Belohnungssystem aktiviert und die positive Rauschwirkung setzt ein. Langfristig kommt es außerdem zu molekularen Veränderungen im Gehirn, die das Suchtverhalten fördern. Bei Verhaltenssüchten ist der Wirkmechanismus ähnlich.

Psychische Ebene

Auf der psychischen Ebene können verschiedene Risikofaktoren identifiziert werden, welche die Ausbildung einer Suchterkrankung begünstigen können. Denkmuster und Einstellungen, wie zum Beispiel ein geringes Selbstwertgefühl oder mangelnde Konfliktlösefähigkeit, aber auch Stress und psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen können das Suchtrisiko erhöhen.

Soziale Ebene

Konflikte im Berufs- oder Sozialleben gelten als Sucht-Risikofaktoren. Auch die Rolle ungünstiger Vorbilder darf nicht unterschätzt werden: Wer zum Beispiel in einer Familie aufwächst, in der täglich Alkohol konsumiert wird, lebt selbst mit einem erhöhten Risiko für problematischen Konsum. Dasselbe gilt für den Freundeskreis und andere Peergroups im sozialen Umfeld.

Wie wird eine Abhängigkeitserkrankung diagnostiziert?

Suchtkrankheiten entwickeln sich meist über einen längeren Zeitraum. Zu Beginn glauben viele Betroffene, den Konsum bzw. das Verhalten unter Kontrolle zu haben. Oft suchen sie erst dann einen Arzt auf, wenn die Folgen der Erkrankung so belastend geworden sind, dass sie sich nicht mehr leugnen lassen. Der Hausarzt ist häufig der erste Ansprechpartner.

Anamnese

In einer ausführlichen Anamnese kann der Arzt die typischen Diagnosekriterien abfragen. In der Regel überweist der Hausarzt an einen Facharzt. Für die Diagnostik können strukturierte Fragebögen verwendet werden bzw. man orientiert sich an den Diagnosekriterien des ICD. Entscheidend ist eine ehrliche Selbstauskunft des Patienten. Gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, Angehörige einzubeziehen.

Körperliche Auffälligkeiten bzw. Auffälligkeiten im Verhalten

Körperliche Auffälligkeiten oder auffälliges Verhalten können dem Arzt Hinweise auf eine Suchterkrankung geben. Dazu gehören mangelnde Körperhygiene, Hautveränderungen oder sichtbare Einstichstellen. Auf Verhaltensebene fallen insbesondere Nervosität, Unruhe, Zittern, Sprachstörungen oder Gereiztheit auf.

Laboruntersuchungen

Anhand von Blut- oder Urinproben kann der Konsum eines Rauschmittels (begrenzt) nachgewiesen werden. Hinweise auf eine Abhängigkeit liefern diese Ergebnisse jedoch nicht. Trotzdem werden Laboruntersuchungen im Rahmen der Diagnosestellung häufig durchgeführt, da sich so zum Beispiel auch Folgeerkrankungen, wie etwa Leberschäden bei Alkoholsucht, feststellen lassen.

Wie wird eine Suchterkrankung behandelt?

Suchterkrankungen sind behandelbar. Die optimale Therapie hängt unter anderem davon ab, um welche Art von Sucht es sich handelt und wie stark diese ausgeprägt ist. Das Ziel der Behandlung ist in der Regel die Abstinenz – der Betroffene soll zukünftig vollständig auf das Suchtmittel bzw. das Suchtverhalten verzichten können. Bei einer stoffgebundenen Sucht, wie zum Beispiel einer Alkoholabhängigkeit, setzt sich eine Entzugstherapie aus verschiedenen Bestandteilen zusammen:

Entgiftung (sofern nötig)

Die Entgiftung, auch körperlicher Entzug genannt, bezieht sich auf das Absetzen bzw. Ausschleichen des Rauschmittels. Da hierbei gravierende Nebenwirkungen auftreten können, wird in vielen Fällen eine stationäre Unterbringung in einer Klinik (zum Beispiel private Fachklinik oder Suchtstation einer Psychiatrie) empfohlen. Dort findet eine medizinische Überwachung des Patienten statt. Entzugsbeschwerden können bei Bedarf durch die Gabe von Medikamenten gelindert werden.

Entwöhnung

An die körperliche Entgiftung schließt sich die psychische Entwöhnung an, deren Kernelement die Psychotherapie ist. Patienten gehen mit therapeutischer Unterstützung den Ursachen ihrer Erkrankung auf den Grund, identifizieren suchtfördernde Verhaltensweisen und entwickeln alternative Verhaltensstrategien.

Nachsorge

Nach der stationären Therapie sollte eine ambulante Nachsorge stattfinden, um die Abstinenz dauerhaft zu festigen. Neben ambulanter Psychotherapie bei einem niedergelassenen Suchttherapeuten kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen sinnvoll sein.

Wann sollte man mit seinen Symptomen zum Arzt gehen und zu welchem?

Der Hausarzt ist bei Suchterkrankungen normalerweise der erste Ansprechpartner. Er kann an fachkundige Mediziner verweisen. Betroffene sowie gegebenenfalls auch Angehörige sollten ihn so früh wie möglich aufsuchen, da die Chancen für einen erfolgreichen Entzug umso besser stehen, je eher eine adäquate Behandlung einsetzt.

Hilfe bei Suchterkrankungen finden

Hilfe in Form von weiterführenden Informationen und Behandlungsangeboten bieten:

Erste Anlaufstelle

Hausärztin / Hausarzt

  • Erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen
  • Ausschluss körperlicher Ursachen
  • Ausstellung von Vermittlungscodes für Facharztüberweisung

Therapeuten

Psychotherapeut:in

Über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Bundesvereinigung können gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten einen Termin für ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten vereinbaren. Der Therapeut kann eine erste Einschätzung vornehmen, ob eine zeitnahe Akutbehandlung erforderlich ist oder eine ambulante Psychotherapie.

Ärzte

Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie

Zeitnahe Termine für Diagnostik und Behandlung können gesetzlich Versicherte mittels Vermittlungscode vom Hausarzt über die Terminservicestelle buchen.

Ambulanzen, Akut, Reha

Kliniken

Wenn eine ambulante Therapie nicht ausreicht, kann ein Klinikaufenthalt sinnvoll sein. Behandlungsmöglichkeiten, je nach Klinik:

  • Ambulant (Psychiatrische Institutsambulanz PIA)
  • Teilstationär (Tagesklinik)
  • Vollstationär
  • Spezialkliniken für Suchterkrankungen

Alltag

Selbsthilfe

  • Suchtberatungsstellen findet man im Suchthilfeverzeichnis der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.)
  • Selbsthilfegruppen findet man über örtliche Selbsthilfebüros oder über die themenspezifische Recherche bei NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen)

Beratung

Chat, E-Mail, Telefon

Häufige Fragen zum Thema „Suchterkrankungen“

Häufige Fragen zum Thema „Suchterkrankungen“

Abhängigkeitserkrankungen können schwerwiegende Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit haben. Schätzungen führen rund 741.300 Krebsfälle jährlich auf Alkoholkonsum zurück, wobei starke Trinker das höchste Risiko tragen.7 Neben körperlichen Schäden drohen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Auf sozialer Ebene können Konflikte in Familie und Beruf sowie zunehmende soziale Isolation die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Haben Süchtige eine Charakterschwäche?

In unserer Gesellschaft wird Sucht fälschlicherweise noch immer mit mangelnder Charakter- oder Willensstärke gleichgesetzt. Dabei gibt es neben sozialen und psychischen Faktoren auch genetische Dispositionen und biologische Einflüsse, die eine Suchterkrankung begünstigen. Wie die meisten anderen Krankheiten lässt sie sich daher auch nicht allein mit Willenskraft überwinden.

Wie sinnvoll ist ein kalter Entzug bei Suchterkrankungen?

Bei den meisten Suchtkrankheiten ist ein kalter Entzug nicht sinnvoll. Zum einen kann das plötzliche Absetzen des Rauschmittels gravierende, mitunter lebensgefährliche Entzugserscheinungen auslösen. Zum anderen fehlt bei dieser Entzugsmethode die psychotherapeutische Begleitung, die essenziell für eine langfristige Entwöhnung ist.