Wie hängen depressive Symptome und äußere Leistungsfähigkeit zusammen?
Depressive Symptome beeinträchtigen häufig den Alltag, die sozialen Beziehungen und die berufliche Belastbarkeit. Wie stark diese Auswirkungen sind, unterscheidet sich jedoch erheblich. Die Schwere der Symptome und das von außen erkennbare Funktionsniveau hängen zwar zusammen, stimmen aber nicht immer überein.
Depressive Episoden können sich sehr unterschiedlich zusammensetzen. Während bei manchen Menschen Antriebsmangel, psychomotorische Verlangsamung oder Konzentrationsprobleme im Vordergrund stehen, leiden andere stärker unter Niedergeschlagenheit, innerer Leere, Selbstzweifeln oder Freudlosigkeit. Die einzelnen Symptome wirken sich nicht in gleicher Weise auf die Arbeitsfähigkeit aus.4 Ein Mensch kann unter erheblichen emotionalen Beeinträchtigungen leiden und bestimmte Aufgaben dennoch weiterhin erfüllen, wenn die dafür notwendigen kognitiven und praktischen Fähigkeiten weniger beeinträchtigt sind.
Dass jemand weiterhin zur Arbeit geht, Termine einhält oder für die Familie sorgt, bedeutet nicht, dass die Person uneingeschränkt leistungsfähig ist. Viele Betroffene bleiben trotz Erkrankung am Arbeitsplatz, arbeiten dort aber möglicherweise langsamer, machen häufiger Fehler, benötigen mehr Pausen oder erreichen weniger als zuvor. Dieses Arbeiten trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung wird als Präsentismus bezeichnet.
Ob ein Mensch trotz Depression weiterarbeitet oder andere Verpflichtungen erfüllt, hängt nicht allein von den Symptomen ab. Auch die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Finanzielle Verpflichtungen, Verantwortung für andere Menschen oder die Angst vor beruflichen Nachteilen können dazu führen, dass Betroffene trotz erheblicher Symptomatik weiterarbeiten. Welche Faktoren im Einzelfall besonders relevant sind, ist bislang nicht ausreichend untersucht.
Ein Mensch kann im Beruf weiterhin funktionieren, während andere Bereiche bereits deutlich beeinträchtigt sind. Möglich ist beispielsweise, dass Betroffene ihre verfügbare Energie fast vollständig für die Arbeit oder familiäre Verpflichtungen aufwenden. Für soziale Kontakte, Freizeit, Erholung oder Selbstfürsorge bleibt dann kaum noch Kraft.
Umgekehrt lässt sich aus einer Arbeitsunfähigkeit nicht unmittelbar auf die Schwere der depressiven Symptome schließen. Auch die Anforderungen des Arbeitsplatzes, körperliche Begleiterkrankungen und soziale Belastungen beeinflussen, ob jemand weiterarbeiten kann. Die Nationale VersorgungsLeitlinie empfiehlt daher, neben den depressiven Symptomen auch Aktivität und Teilhabe in unterschiedlichen Lebensbereichen gesondert zu erfassen.5